Kommentar
Was kommt nach Arafat?

Wer kommt nach Jassir Arafat? Diese Frage, die sich Beobachter der nahöstlichen Szenerie immer wieder in der Vergangenheit gestellt haben, wird nun dringlicher denn je. Fest steht: Einer allein dürfte nicht ausreichen, um alle Funktionen und Ämter des Palästinenserführers zu übernehmen.

Arafat ist für die Palästinenser nicht nur Vaterfigur, nationales Symbol und unbestrittener Präsident der Palästinensischen Befreiungsbewegung PLO. Er ist zudem Chef der größten Partei, lenkt die Autonomiebehörde wie eine One-Man-Show, und die Kontrolle über die wichtigsten Sicherheitskräfte hat er zu keinem Zeitpunkt abgegeben. Um seine Position zu zementieren, hat er seine Nachfolger systematisch unterdrückt. Das Thema war tabu. Er ließ keinen ran.

Weil jetzt keiner das Zeug hat, alle Funktionen gleichzeitig auszufüllen, dürfte sich vorerst eine kollektive Führung etablieren. Diese wird alle wichtigen Fraktionen, Strömungen und Interessen der Palästinenser berücksichtigen, so heterogen und widersprüchlich sie auch sind.

Die innenpolitische Zerrissenheit hat damit auch außenpolitische Folgen. Es wird für die Palästinenser in einer Post-Arafat-Ära unmöglich sein, einen Kompromiss mit Israel zu finden oder ihm zuzustimmen. Sie werden sich keineswegs gemäßigter geben als heute. Ohne die integrative Figur Arafat drohen sich die Palästinenser in Machtkämpfen aufzureiben. Der Ausbruch eines Bürgerkrieges ist deshalb auch nicht ausgeschlossen.

Mindestens fünf Gruppen drängen an die Macht. Da ist zum einen die Führungsclique um Arafat und Premier Abu Ala. Sie ist im Volk unbeliebt, weil sie als korrupt gilt. Die palästinensischen Sicherheitskräfte könnten zweitens einen Putsch versuchen und sich untereinander bekämpfen. Gleichzeitig stehen die Milizen der islamischen Opposition bereit. An die Spitze drängt viertens der inhaftierte, aber populäre Intifada-Führer Marwan Barguti. Und Chancen auf die Nachfolge rechnet sich fünftens der altgediente PLO-Aktivist Faruk Kadumi aus. Der Vulkan Naher Osten brodelt erneut. Seine Eruptionen werden auch in der alten Welt zu spüren sein.

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