Kommentar: Wen Jiabaos Scheinreform

Kommentar
Wen Jiabaos Scheinreform

Chinas Banken kranken unter fehlender Wettbewerbsfähigkeit und vergeben zu wenig Kredite. Chinas Regierungschef verspricht nun Reformen. Dass die Finanzbranche umgebaut wird, darf dennoch bestritten werden.
  • 1

Die Äußerung von Premier Wen Jiabao zur Öffnung des Bankensektors ist eine dieser schwierig einzuschätzenden Stellungnahmen. Es ist ein Vorschlag eines scheidenden Premiers in einem Radiointerview relativ kurz nach dem Volkskongress. Eines Premiers zudem, dessen Nachfolger Li Keqiang immer sichtbarer ist. Eine Idee womöglich, für die Wen hinter den Kulissen noch keine Mehrheit gefunden hat. Insofern ist Vorsicht geboten.

Papa Wen, wie er in China im Volksmund genannt wird, wollte wohl Punkte in der Bevölkerung sammeln. Denn er hat ja nicht betont, China brauche eine Bankenreform, weil die Banken ineffizient arbeiten, auch nicht, weil sie nicht international wettbewerbsfähig wären oder etwa, weil die kleinen und mittelständischen Unternehmen nicht genug Kredite bekämen, was ein großes Problem in China ist. Wen sagte vielmehr: „Sie verdienen zu leicht Geld.“ Das kommt gut an beim Volk. Und er leitete diesen zentralen Satz mit den Worten ein: „Lassen Sie mich sehr offen sein.“ Will heißen, andere sind nicht so offen wie er.

Den Zeitpunkt, um sich zu profilieren, hat Wen günstig gewählt: Vor einigen Tagen haben drei große Banken ihre Bilanzen abgeliefert. Sie haben ihre Gewinne im vergangenen Jahr zwischen 25 und 28 Prozent gesteigert. Das größte der Institute, die Industrial & Commercial Bank of China (ICBC) hat im vergangenen Jahr mehr als 33 Milliarden Dollar verdient und gehört damit zu den weltweit profitabelsten Unternehmen.

Immerhin hat sich Wen in einer Diskussion, die in der Führung intensiv geführt wird, eindeutig gegen die Konservativen positioniert. Auch sie haben gute Argumente: China sei mit den wenigen staatlichen Großbanken bisher gut gefahren. Ihre Bilanzen seien beachtlich, und sie hätten die 2008er-Krise viel besser durchgestanden als die meisten Banken weltweit. Kurz: Das Monopol mache China stabiler und sei deswegen gut. Den Banken sei es zu Recht verboten, mit gehebelten Finanzprodukten wie Derivaten zu hantieren. Investieren statt spekulieren sei das Erfolgsrezept, unter dem der Staat seine Banken agieren ließe.

Die Befürworter einer Bankenreform hingegen glauben, dass die Kreditvergabepraxis der Institute kleinen und mittelständischen Betrieben die Luft abdreht und damit dem Wirtschaftswachstum des ganzen Landes schadet. Wenn sie das nicht überzeugt, sollte den Konservativen wenigstens einleuchten, dass dieses Land zu komplex werden wird, um es mit einer Hand voll staatlicher Banken steuern zu können. Insofern ist es in jedem Fall sinnvoll, privaten Banken eine Chance zu geben. Das bedeutet ja nicht, die Zügel sofort schleifen zu lassen.

Vielmehr ist das Land dann auf eine Entwicklung vorbereitet, die sich auf Dauer nicht vermeiden lässt. So ist wohl auch das Pilotprojekt für eine private Kreditwirtschaft in der Stadt Wenzhou im Südosten Chinas zu verstehen, das die Regierung vergangene Woche angekündigt hat. „Ich denke, die Elemente, die in Wenzhou erfolgreich sind, können sofort landesweit eingeführt werden“, sagte Wen dazu. Auch das klingt eben noch nicht wie eine beschlossene Sache.

Eines ist jedenfalls klar: Die westlichen Banken werden bei diesen Reformen erst einmal keine zentrale Rolle spielen. Sie werden auch weiterhin genau vorgeschrieben bekommen, wie viel Geld sie zu welchem Zinssatz in China verleihen können.

Frank Sieren ist Bestsellerautor („Angst vor China“) und gilt als einer der führenden Chinakenner.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

Kommentare zu " Kommentar: Wen Jiabaos Scheinreform"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Die Kreditvergabepraxis an kleine Leute krankt, da das selbe Selbstbereicherungs-Konzept in China vorliegt wie in der restlichen Welt." Die Banken sind an allem Schuld" - ist zu pauschal, aber im Kern richtig. Nur China kann sich diese Knebelpolitik aud Dauer nicht leisten, denn der Spagat zwischen boomenden Städten und Mittelalter auf dem Land wird mit Sicherheit in einen Bürgerkrieg ungeahnten Ausmasses führen, was bisland in keinen Medien ein Thema ist. Dazu kommt, dass kein Kommunist langfristig in der Lage ist mit Wirtschaftsfreiheit umzugehen. Der Wasserkopf der Oberen lebt nur deshalb weiter, weil jeder z.B einen Kühlschrank braucht. So ist jeder Wirtschaftsaufschwung selbsterklärend. Die Probleme fangen jetzt erst an. Die Metropolen am Jangtse beginnen falsche wirtschaftlich Entscheidungen zu spüren, die Immobilienblase platzt und die Landbevölkerung probt immer öfter den Aufstand. Internetzensur und weitere typische totalitäre Massnahmen deckeln einen brodelnden Vulkan. Und in den Printmedien werden die Chinesen analysiert, als hätten sie gerade 1000 Jahre Demonkratie hinter sich. Das wird sich bitter rächen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%