Kommentar
Wenn Gesetzestreue zur Falle wird

Die Compliance ist ein hohes Gut für Unternehmen. Wenn es um das Handeln von Geschäftspartnern geht, fällt es jedoch oft schwer, saubere Praktiken zu garantieren. Das kann in einer Zwickmühle enden.
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In angelsächsischen Ländern macht man sich gerne über die Deutschen lustig, die auch morgens um fünf bei Nieselregen und menschenleeren Straßen an der roten Fußgängerampel stehen bleiben. Dabei ist das doch nur konsequent: Bei Rot laufen ist verboten, und man kann vom Gesetzgeber nicht verlangen, dass er sich auf eine Diskussion einlässt, zu welcher Zeit auf welcher Kategorie von Straßen bei welchen Wetterbedingungen die Ordnungshüter ein Auge zudrücken sollten. Also bleibt man stehen.

Das ist halt Compliance - früher hätte man von Gesetzes- oder Regeltreue gesprochen. Seit den 90-er Jahren wird diese Tugend verstärkt von Unternehmen eingefordert - ausgehend von der Finanzindustrie. Dabei gewinnt die Welle zunehmend an Kraft, so dass Unternehmen sich nun auch fragen müssen, ob sie nicht für Fehlverhalten von Kunden oder Lieferanten geradestehen müssen. Auch das ist konsequent: Wie leicht könnte ein Unternehmen sonst den Saubermann spielen und die schmutzige Wäsche von einem Dritten erledigen lassen.

Aktuell hat der Autokonzern Daimler ein Problem, weil er sich über seine Beteiligung an einem Rennstall auch mit Formel-1-Geschäftsführer Bernie Ecclestone verbunden hat, der womöglich in einen Korruptionsskandal verwickelt ist. Hausinterne Richtlinien schreiben vor, derartige Praktiken auch bei Geschäftspartnern nicht zu dulden. Offenbar ist damit jetzt in Stuttgart die Frage aufgetaucht, ob im Falle einer Anklage oder gar Verurteilung des Partners Konsequenzen gezogen werden müssen, auch wenn die eigentliche Geschäftsbeziehung vom inkriminierten Vorgang gar nicht betroffen ist.

Das wirft die Frage auf, wer in der Wirtschaft wie weit Verantwortung für andere übernehmen kann, auch wenn die Korruptionswächter von Transparency International Deutschland nun übereifrig Druck aufbauen und fordern: „Daimler muss jetzt handeln!“

Hier droht wieder mal ein Prinzip zu Tode geritten zu werden. Zunächst einmal sollte man davon ausgehen, dass ein verurteilter Täter auch von seiner Organisation als nicht mehr satisfaktionsfähig angesehen und aus dem Geschäft genommen wird. Und sodann würde auch jeder ehrbare Kaufmann selbst darauf kommen, dass ein solcher Partner dem eigenen Ansehen schadet, und dafür sorgen, dass dieser ausgetauscht oder das Geschäft zurückgefahren wird.

Aber die Entwicklung läuft gerade anders: Die Compliance-Abteilungen wachsen sprunghaft. Ein Bankvorstand sagte neulich, das seien die sichersten Arbeitsplätze im Haus. Die Apparate, die hier entstehen, schaffen sich natürlich Beschäftigung: Erst werden Regeln aufgestellt, dann müssen sie überwacht werden. Sicherlich gibt es auch bald eine Abteilung, die überwacht, dass die Compliance-Leute die Regeln beachten, die ihnen für die Ausübung ihrer Macht gesetzt worden sind. Und die mittelständischen Zulieferer, die solchen Aufwand nicht treiben können, kauft man zur Risikobegrenzung am besten gleich auf.

Auch für das Gegenteil übertriebener Compliance gibt es einen angelsächsischen Begriff: Common Sense - gesunder Menschenverstand.

Der Autor ist erreichbar unter: eschbach@handelsblatt.com

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  • Es kommt immer wieder vor, dass international operierende Unternehmen unwissentlich z.B. gegen vereinbarte  Sanktionen verstossen oder Anti-Korruptionsregeln missachten, und so moeglicherweise geaechtete Regimes oder verbrecherische Organisationen unterstuetzen. Compliance-Regeln und vor allem deren Einbettung in die Unternehmenstruktur sind in der heutigen global verknuepften Welt unerlaesslich.

  • Compliance ist vor allem ein hervorragendes Geschäftsmodell angelsächsicher Anwaltskanzleien, die sich daran dumm und dämlich verdienen. Fragen Sie mal einen chinesischen, japanischen, indischen oder brasilianischen Konkurrenten, von welchen Werten er sich leiten lässt – mit dem Unfug halten die sich genauso wenig auf, wie die Amerikaner selbst !

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