Kommentar: Wer hat Angst vor Scheinriesen?

Kommentar
Wer hat Angst vor Scheinriesen?

Viele sehen Ratingagenturen als furchterregende Giganten, die über das Wohl und Wehe von Volkswirtschaften entscheiden. Dabei sind sie nur nützliche Berater. Entscheiden müssen Politiker und Investoren immer noch selbst.
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Michael Ende ist nicht nur einer der erfolgreichsten deutschen Kinderbuchautoren, er ist auch ein sehr lebenskluger Mensch. So hat er die Figur des Scheinriesen „Herr Tur Tur“ erfunden, der von weitem wie ein furchterregender Gigant aussieht. Doch wer sich ihm nähert, erkennt: Der Scheinriese schrumpft zusehends und hat schließlich die Größe eines normalen Menschen. Da sich aber keiner in seine Nähe wagt, ist er einer der missverstandensten Menschen in der Kinderbuchwelt.
Es ist nicht lange her, da galten auch die US-Ratingagenturen als furchterregende Giganten. Wenn sie nur mit der Wimper zuckten, zitterten die Märkte und Investoren änderten Anlageentscheidungen. Und je mehr die Anleger auf diese Riesen an ihrem Wohnort im fernen Amerika starrten, desto mächtiger schienen sie.

Doch bei aller Aufgeregtheit hatte kaum einer den Mut, sich die Ratingagenturen und ihr Geschäftsmodell einmal näher anzusehen. Letztlich sind sie Berater, die Investoren eine Einschätzung zur Bonität von Unternehmen, Anlageprodukten und eben auch Staaten und ihrer Anleihen geben. Ob die Marktteilnehmer in Anleihen investieren und zu welchem Preis, entscheiden sie selbst – und nicht die Ratingagenturen. Wer sich natürlich ausschließlich auf das Urteil der Bonitätswächter verlässt und auf weitere Informationsquellen und eigene Expertise verzichtet, macht sich ohne Not von den Agenturen abhängig.

Je mehr Fonds das Rating zum einzigen Kriterium für eine Anlageentscheidung machen, desto stärker beeinflussen die Ratings den Markt. Aber ist das die Schuld der Ratingagenturen – oder die Dummheit der Investoren?

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  • Paradigmenwechsel bei Herrn Tur tur
    Siehe dazu institutional money.com 17.1.

  • Ratingagenturen haben so etwa dieselbe Funktion wie die Taferl mit der Richtgeschwindigkeit auf deutschen Straßen (die blauen 130, so es diese überhaupt noch gibt). Man darf ruhig schneller fahren, aber wenn es dabei einen Unfall gibt, dann hat der Fahrer (Anleger) die Meinung und den Richter gegen sich.
    Eine andere Frage ist in diesem Zusammenhang viel interessanter und bedeutender: Ist es noch gerechtfertigt, daß gemäß Basel III Staatsanleihen als risikolos gelten, d.h. Banken kein Eigenkapital als Risikoeinsatz vorhalten müssen wie bei anderen Krediten?

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