Kommentar
Wette auf Tristesse

Die Jahrestiefstände an den Börsen prallen auf eine robuste Weltkonjunktur. Viele Unternehmen verdienen so viel wie noch nie. Selbst in Europa sprudeln die Gewinne. Wer aber glaubt, die Börsen würden diesen Boom schlicht ignorieren, macht es sich zu leicht. Denn Investoren honorieren nicht die Gegenwart, sondern handeln mit der Zukunft. Und diese sieht schlechter aus als das reale Jetzt und Heute.

Als im letzten Jahr der Irak- Krieg die Welt in Angst versetzte und die Wirtschaft lähmte, schossen die Börsen nach oben. Anleger wetteten auf eine bessere Zukunft: rasches Kriegsende, mehr Zuversicht und eine anspringende Konjunktur. Als alles so kam, hatten die Börsen zwar Recht behalten. Doch die Herrlichkeit war flüchtig. Die Kurse stagnierten, ehe sie fielen.

Tolle Firmengewinne vermochten nur kurz die Probleme der Zukunft zu kaschieren. Immer teureres Rohöl schürt nämlich zu Recht die Sorgen, dass die Konjunktur ähnlich wie in den siebziger Jahren abgewürgt werden könnte. Geringere Umsätze im US-Einzelhandel zeigen bereits, dass sich die Verbraucher zurückhalten, weil sie mehr Geld für Benzin ausgeben.

Leidet aber erst einmal der US-Konsum, dann drohen erfahrungsgemäß der gesamten Weltwirtschaft Rückschläge. Zusätzlich schürt das teure Öl auch noch Stagflationsängste: Stagnierendes Wachstum bei steigender Inflation. Die Börse fürchtet sich vor dieser Kombination am meisten, weil sie Zinssenkungen wie 2001 und 2002, mit denen erfolgreich die Wirtschaft angekurbelt wurde, unmöglich macht.

Der drohende Domino-Effekt ist keineswegs zu unterschätzen, beherrscht bislang aber nur die Börsen. Deshalb sind alle guten Konjunkturerwartungen keine Makulatur – noch nicht. Insbesondere Euro-Land legt erst einmal weiter zu, wie steigende Unternehmensgewinne belegen. Kostensenkungen, Standortverlagerungen und neue Absatzmärkte in Osteuropa und Asien sorgen dafür, dass sich daran auch so schnell nichts ändert.

Aber da die Börsen eben weit vorausschauen und Szenarien für 2005 und darüber hinaus durchspielen, sinken die Kurse schon jetzt – und drohen weiter zu fallen, wenn Öl noch teurer wird. Die ferne Perspektive ist schlechter als die aktuelle Lage.

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