Kommentar: Wettlauf der Giganten

Kommentar
Wettlauf der Giganten

In der Energiebranche überschlagen sich die Ereignisse: Eon greift nach der spanischen Endesa, Italiens Nummer eins, Enel, wirft die Angel nach dem französischen Suez-Konzern aus, und dieser rettet sich in eine Fusion mit Gaz de France. Betriebs- und vor allem volkswirtschaftlich macht eine solche Fusionswelle wenig Sinn.

Dabei ist das Streben der Versorger nach Übernahmen durchaus verständlich. Große Einheiten können in der Energiebranche Synergien realisieren, Kosten drücken und Renditen steigern. Sie bündeln Einkaufsmacht und können gegenüber den starken Rohstoffproduzenten – wie etwa dem russischen Gasgiganten Gazprom – selbstbewusst auftreten. Und große Versorger können auch eine lückenlose Lieferkette vom Import der Brennstoffe über den Betrieb von Kraftwerken bis hin zum Vertrieb an Endverbraucher aufbauen. Doch vor allem übernimmt ein Konzern, der einen europäischen Konkurrenten aufkauft, dessen lukrativen Kundenstamm. Solange die Liberalisierung des Energiemarktes in Europa keine Fortschritte macht, können Versorger in den regionalen Märkten ungestört Monopolrenditen erzielen.

Betriebswirtschaftlich kann sich also eine solche Expansion lohnen – sofern sie mit Augenmaß erfolgt. Denn noch immer gilt: Unternehmen müssen sich sinnvoll ergänzen, und Übernahmen müssen refinanziert werden. Die großen Barbestände, die die Versorger durch ihre marktbeherrschende Stellung aufgehäuft haben, verleiten sie aber dazu, bis an die Grenze des Möglichen statt an die Grenze des Sinnvollen zu gehen. Eon will beispielsweise für Endesa 50 Prozent mehr bezahlen, als das Unternehmen noch vor einem halben Jahr wert war.

Spätestens hier müssen Zweifel aufkommen, ob dies alles Sinn ergibt. Die aktuelle Fusionswelle wird von zwei ungesunden Faktoren getrieben: Zum einen haben sich die Branchengrößen in einen geradezu irrationalen Wettlauf verwickeln lassen. Wer nicht zügig einen Konkurrenten übernimmt, fürchtet, bei diesem Rennen ins Hintertreffen zu geraten und womöglich schon morgen vom Jäger zum Gejagten zu werden. Das ist der Fall bei Suez und Gaz de France, die sich vor allem gegen feindliche Attacken zu wappnen versuchen.

Zum anderen mischt bei der Neuordnung der europäischen Energielandschaft die Politik kräftig mit. Sie baut etwa in Spanien hohe Hürden auf, um Eon den Zugriff auf Endesa zu verwehren und die Fusion von Endesa mit dem heimischen Konkurrenten Gas Natural zu sichern. Und in Frankreich macht der Regierungschef keinen Hehl daraus, dass Paris mit der Fusion von Suez und Gaz de France einen nationalen Champion schaffen will. Das Fusionsfieber und die politischen Interventionen bei der Neuordnung der europäischen Energiewirtschaft sind aber umso bedenklicher, weil sie einen weitaus wichtigeren Aspekt überdecken: die nachhaltige Öffnung des Energiemarktes für mehr Wettbewerb. So treibt die Fusionswelle, die derzeit über die Branche rollt, die Konzentration auf dem europäischen Energiemarkt immer weiter voran, noch ehe überhaupt die Rahmenbedingungen für mehr Wettbewerb in den einzelnen Mitgliedsländern der EU gesetzt sind. Das aber ist alles andere als eine gute Entwicklung.

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