Kommentar
Wolfowitz’ Messlatte

Jubiläumsvorsätze sind selten das Papier wert, auf dem sie gedruckt werden. Das gilt auch für die Millenniumsziele der Uno, die sich 2000 die hehre Aufgabe gestellt hat, die globale Armut bis 2015 zu halbieren.

Auch wenn das ehrgeizige Projekt bei der IWF-Frühjahrstagung in Washington wieder diverse Redetexte schmücken dürfte: Die Wirklichkeit hinkt der vereinbarten Marke meilenweit hinterher. Viele Regionen der Welt versinken in Armut, vor allem Afrika.

Dabei sieht die Situation vordergründig gar nicht so schlecht aus. So registrierte Lateinamerika im vergangenen Jahr laut IWF ein Wachstum von 5,7 Prozent – den höchsten Wert seit 1980. Und Afrika südlich der Sahara kam immerhin auf 5,1 Prozent. Diese Lichtblicke sind aber in erster Linie auf gestiegene Rohstoffpreise zurückzuführen. Die Lage bleibt daher riskant: Der nach wie vor volatile Ölmarkt sowie eine weitere Talfahrt des Dollars könnten die Wachstumssprünge schnell umkehren.

Hinzu kommt, dass die internationalen Kapitalströme vor allem in Schwellenländer fließen, wo höhere Renditen zu erzielen sind. Die Armenhäuser auf dem Globus sind also weiterhin auf Entwicklungshilfe angewiesen.

Aber es stellt sich die Frage: Wie viel und welche Art von Hilfe? Angesichts angespannter Haushalte in vielen Industriestaaten wird der Ruf nach Sondersteuern immer lauter. Doch neue Abgaben – ob auf Kerosin oder Flugtickets – sind derzeit innenpolitisch kaum zu vermitteln. Es wäre zudem der zweite vor dem ersten Schritt. Bevor man über zusätzliche Finanzspritzen nachdenkt, ist eine Debatte über Effizienz und Erfolgskontrolle fällig.

Entwicklungshilfe sollte stärker an ganz konkrete Vorgaben gekoppelt werden: Wie viele Kinder können schreiben, lesen oder rechnen? Überprüfbare Fortschritte in diesen Bereichen sind wichtiger, als einfach nur eine neue Schule zu bauen. Entwicklungsländer würden damit Anreize geboten, die Mittel produktiv einzusetzen. Die Weltbank müsste diesen Prozess aber intensiver als bisher überwachen. Das ist die Messlatte für ihren neuen Präsidenten Paul Wolfowitz.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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