Kommentar: Wolfsburger Träume

Kommentar
Wolfsburger Träume

Volkswagen spielt in der deutschen Unternehmenslandschaft eine echte Sonderrolle. Der Einfluss der IG Metall ist dort stärker ausgeprägt als in fast allen anderen Großkonzernen. Gleichzeitig setzte das Land Niedersachsen bisher als Aktionär stärker auf den Erhalt von Arbeitsplätzen als auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns.

Ein VW-Haustarif verschafft den Beschäftigten ein ordentliches Zubrot im Vergleich zur übrigen Metallindustrie, die Löhne liegen in der Spitze bis zu 20 Prozent höher. Viele VW-Beschäftigte arbeiten nur vier Tage in der Woche, eine wirklich außergewöhnliche Regelung: Als die Arbeitszeit auf nur 28,8 Stunden pro Woche sank, fielen die Löhne nicht im gleichen Ausmaß.

Fast konnte der unbedarfte Beobachter in den vergangenen Jahren zu dem Schluss kommen, in Wolfsburg herrschten paradiesische Zustände. Doch damit ist jetzt Schluss, der Traum ist geplatzt. Der Weckruf des VW-Vorstands vom vergangenen Freitag sollte auch dem letzten Beschäftigten klar gemacht haben, dass es bei VW nicht mehr so weitergehen kann wie bisher. Das zögerliche Management des Konzerns brauchte lange, um sich der Realität zu stellen. Der VW-Konzern beschäftigt 20 000, ja vielleicht sogar 30 000 Beschäftigte in Deutschland zu viel. In der Branche ist diese Botschaft schon seit Jahren bekannt. Nur VW selbst drückte sich lange vor dieser unliebsamen Wahrheit.

Massiver Wettbewerbsdruck, neue Konkurrenten, viel zu hohe Kosten und eine miserable Produktivität: der VW-Führung um Bernd Pischetsrieder und Wolfgang Bernhard bleibt jetzt in der Tat nichts anderes mehr übrig, als die Notbremse zu ziehen. Und das heißt an erster Stelle, Abschied zu nehmen von der Illusion einer Vier-Tage-Woche. Der Wunderglaube verfliegt, man könne weniger arbeiten, müsse aber nicht entsprechend weniger verdienen: VW kann sich den Luxus der Vier-Tage-Woche nicht mehr leisten. Deshalb will der Vorstand die Arbeitszeit nun wieder auf 35 Stunden erhöhen – und zwar ohne Lohnausgleich. Denn nur unter dieser Bedingung wird es möglich sein, den VW-Konzern einigermaßen wettbewerbsfähig gegen die starke Konkurrenz aus Japan und anderswo zu machen.

Jeder kann sich ausrechnen, was die Vorschläge des Vorstands bedeuten – die Auswirkungen werden gravierend sein. Pischetsrieder und Bernhard wollen die Arbeitszeit um 20 Prozent erhöhen. Angesichts der schlechten Marktlage wird es dem Führungsduo aber nicht gelingen, den Fahrzeugabsatz in gleicher Größenordnung zu steigern. Und deshalb steht VW vor einem massiven Personalabbau. Und zwar in einem Maße, wie es ihn bisher in keinem deutschen Autokonzern gegeben hat.

VW hat mit der Vier-Tage-Woche vor zwölf Jahren einen Fehler begangen. Der Konzern hätte schon damals mit einem langsamen, aber stetigen Personalabbau beginnen sollen. Dann wäre dem Konzern der große Knall erspart geblieben, der nun bevorsteht. Aber dafür ist es leider zu spät.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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