Kommentar zu Emissionsrechten
Handel mit Tücken

Gestern hat sich bestätigt, was der Markt bereits vorweggenommen hat: Die Unternehmen, die in Deutschland zur Teilnahme am Emissionshandel verpflichtet sind, sind recht gut mit Zertifikaten ausgestattet.

Die Knappheit, die die Preisentwicklung monatelang suggerierte, hat es offensichtlich nie gegeben. Im Gegenteil: Viele Unternehmen haben die Effizienz ihrer Anlagen nicht gesteigert und doch Zertifikate übrig behalten. Können also alle Teilnehmer mit dem Emissionshandel zufrieden sein? Nein. Das System weist erhebliche Mängel auf.

Die verschiedenen Marktteilnehmer handeln unter völlig unterschiedlichen Vorzeichen mit Zertifikaten. Das System produziert Gewinner und Verlierer. Da sind etwa die Energiekonzerne, die zweifellos zu den Gewinnern zählen. Ihnen hat der Zertifikatehandel Milliarden in die Kassen gespült, weil sie die Zertifikate, die ihnen zu Beginn des Handels kostenlos zugeteilt worden waren, zum jeweils aktuellen Marktwert auf den Strompreis aufschlagen können. Nach Berechnungen großer Energiekunden aus der Industrie erhöhte diese Einpreisung der Zertifikate die Gewinne der Stromerzeuger im vergangenen Jahr um sechs Milliarden Euro.

Die Energiekonzerne haben somit von den erratischen Preissprüngen beim Zertifikatehandel profitiert. In der Spitze wurden 30 Euro je Emissionszertifikat gezahlt. Zum Vergleich: Wer die Emission einer Tonne Kohlendioxid etwa durch Effizienzsteigerungen vermeiden will, ist im Idealfall mit fünf Euro dabei. Verlierer sind hingegen die energieintensiven Unternehmen, die in zweifacher Hinsicht leiden: Einerseits müssen sie die durch den Emissionshandel ausgelösten Strompreissteigerungen verkraften. Andererseits müssen diese Unternehmen Produktionssteigerungen über den Zukauf von Zertifikaten teuer bezahlen. Das gilt selbst dann, wenn sie effizienteste Anlagen betreiben. Diese Faktoren schwächen die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Wird aus diesem Grund Produktion in Länder verlagert, die nicht am Emissionshandel teilnehmen, ist dem Klimaschutz nicht gedient.

Nun kann man sich darauf zurückziehen, all diese Effekte als vertretbare Begleiterscheinungen des Emissionshandels zu betrachten. Wer sich darauf beschränkt, sollte allerdings zugeben, dass niemand mit den extremen Preisausschlägen gerechnet hat. Der Markt ist noch nicht eingespielt und voller Irrationalität. Solange dies so ist, sollte die Politik sich nicht scheuen, eine Notbremse einzubauen. Diskutiert wird eine Preisobergrenze für die Zertifikate.

Das entspricht zwar nicht der reinen Lehre, könnte der Industrie aber für eine Übergangszeit helfen, extreme Preissprünge zu verkraften. Auch die Versteigerung eines Teils der Zertifikate an die Energiekonzerne ist eine Überlegung wert. Aus den Einnahmen könnte eine Entlastung energieintensiver Unternehmen finanziert werden.

Klar ist jedenfalls, dass die Entspannung, die wir derzeit bei den Zertifikatepreisen sehen, weil in fast allen EU-Staaten Zertifikate übrig geblieben sind, nicht lange währen muss. Schon bald kann die Situation ganz anders sein. Für diesen Fall sollte man sich wappnen. Passende Instrumente gibt es.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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