Kommentar zu Juncker
Und er ist doch der Richtige!

Jean-Claude Juncker musste viel Kritik aushalten. Doch er ist die richtige Wahl als Kommissionschef. Für ihn spricht seine Erfahrung und seine Rolle als großer europäischer Integrationist.
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BrüsselWessen haben sie ihn nicht alles geziehen: Mann von gestern, unverbesserlicher Integrationist, Alkoholiker – den Gegnern von Jean-Claude Juncker war kein Vorwurf zu abgeschmackt. Nun also wird er es doch: Präsident der neuen EU-Kommission. Zumindest haben ihn die Staats- und Regierungschefs mehrheitlich für das Amt nominiert. Und das ist gut so. Männer von gestern haben den Vorteil, eine Geschichte und viel Erfahrung mitzubringen.

Als langjähriger Regierungschef von Luxemburg und ehemaliger Chef der Euro-Gruppe kennt Juncker die europäischen Gepflogenheiten und nationalen Empfindlichkeiten aus dem Effeff. Als Integrationist liegt ihm ein starkes und einiges Europa am Herzen, das sich weltweit in der Auseinandersetzung mit aufstrebenden Mächten zu behaupten weiß; er setzt Integration aber nicht gleich mit zentralistischer Bevormundung. Und was den Alkohol betrifft – problematische Trinkgewohnheiten, seien wir ehrlich, gibt es im politischen Geschäft zuhauf. Wollte man all jene aussortieren, für die der Wein zum Geschäft gehört wie die Nachtsitzung in sauerstoffarmen fensterlosen Sitzungsräumen, fände sich die politische Landschaft sicher schnell öd und leer. Solange also die Leistungsfähigkeit des Luxemburgers nicht in Frage steht, seien ihm kleine Laster gegönnt.   

Viele Kommentatoren haben Juncker in den vergangenen Wochen herabgewürdigt und wenn schon nicht ab-, dann doch wenigstens runtergeschrieben. Nun ist es an der Zeit, dem Mann eine Chance zu geben – auch in den eigenen Reihen der europäischen Christdemokraten, wo es viele Parlamentarier gibt, die nicht restlos von einem Kommissionschef Juncker überzeugt sind. In der Behörde selbst hoffen viele, dass er den aufreibenden Verwaltungs- und repräsentativen Aufgaben rein körperlich gewachsen sein wird. Der aufreibende Wahlkampf hat den 59-Jährigen an die Belastungsgrenze getrieben. Das anschließende Geschacher um sein Amt und seine Person haben an seiner Ehre gerührt. So etwas lässt man nur über sich ergehen, wenn man davon überzeugt ist, das Richtige zu tun, wenn man brennt für das, was man sich vorgenommen hat.

Immer wieder ist zu hören, Juncker sei nicht der strukturierte Typ, der eine Megabehörde leiten könne. Mal ehrlich: Wer hatte das vor vielen, vielen Jahren von José Manuel Barroso gedacht. Politiker von Format sind lernfähig - oder sollten es zumindest sein. Das wird sicher auch Jean-Claude Juncker beherzigen. Ein gutes Team um den Chef herum, erleichtert dessen Arbeit um einiges. Und Juncker ist auch nicht so blind, zu ignorieren, dass die Euphorie für die Europäische Union bei vielen Menschen längst der Ernüchterung gewichen ist.

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Kein außerpolitisches Verwaltungsnirwana

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