Kommentar zu Protesten
Hongkong ist isoliert

Droht in China ein Flächenbrand? Die Chance ist gering: Kaum jemand im Lande fühlt Solidarität mit der Stadt im Süden. Denn die Sorgen der Hongkonger sind einfach nicht die Sorgen ihrer Landsleute im restlichen China.
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PekingGroße Demos für Demokratie in China – das klingt nach dem Beginn historischer Umwälzungen im bevölkerungsreichsten Land der Welt. Doch der Anschein trügt. Die Ereignisse sind derzeit auf die abgetrennte Sonderverwaltungszone Hongkong beschränkt – und ein Übergreifen auf andere Städte gilt als wenig wahrscheinlich.

Die Sorgen der Hongkonger sind einfach nicht die Sorgen ihrer Landsleute im restlichen China. Die Sonderverwaltungszone genießt bereits Rechtsstaat und Meinungsfreiheit und fordert nun zudem auch demokratische Wahlen. Das ist logisch und berechtigt, doch die Bürger in anderen Landesteilen identifizieren sich nicht mit dieser Forderung. Sie ist meilenweit von allem entfernt, was unter der Herrschaft der Kommunisten derzeit für sie erreichbar wäre.


Es gibt zwar auch in China erhebliches Potenzial für Unruhe, doch dafür ist Hongkong nicht der Zündfunke. Die chinesischen Bürger stören sich stattdessen am unverschämt zur Schau gestellten Reichtum der neuen Oberklasse. Sie leiden unter schlechteren Jobaussichten für Uni-Absolventen. Wer es bisher nicht geschafft hat, muss hart um den Aufstieg in die Mittelklasse kämpfen. Während das Wachstum sinkt, mehren sich Insolvenzen und versteckte Arbeitslosigkeit. Soziale Proteste, die an einem dieser Punkte ansetzen, hätten tatsächlich das Potenzial zu weiter Verbreitung – bis hin zum Sturz der Kommunisten.

Doch das Schicksal Hongkongs lässt die Bürger der Volksrepublik weitgehend kalt. Dort wohnen zwar auch ethnische Chinesen. Doch die Stimmung der Bewohner der ehemaligen britischen Kolonie und der Volksrepublik hat kaum noch Berührungspunkte. Die Hongkonger haben durchweg einen höheren Lebensstandard und mehr Freiheit genossen. Sie teilen dagegen nicht das Schicksal, gemeinsam im kommunistischen Staat eingesperrt gewesen zu sein.

Dazu kommt die hochnäsige Haltung der Hongkonger gegenüber ihren Landsleuten im restlichen China. Sie halten ihre kommunistisch sozialisierten Vettern für unzivilisiert und politisch unreif. Es fallen immer wieder Worte wie: „laut“, „schmutzig“ oder „kein Sinn für Mode und Körperpflege“. Immer wieder folgten Forderungen, die Einreise von Chinesen nach Hongkong zu beschränken. Die Bewohner der Volksrepublik haben wenig Neigung, sich für eine demokratische Extrawurst für diese arroganten Verwandten zu engagieren.

Hongkong hat eine ganz eigene Kultur. Das ist sogar schon ganz oberflächlich erkennbar: Die Chinesen hier verwenden eine andere Formen der Schriftzeichen, sprechen eine andere Sprache als ein Großteil des übrigen China. Dass sie durch eine Passgrenze vom Festland abgetrennt ist, passt zur Befindlichkeit. Die Hongkonger empfinden die Teilung als Segen. Sie wollen gar nicht zu China gehören – das ist einer der Gründe für ihren Protest. Genauso wenig wollen sich die Bewohner des Festlands jedoch die Anliegen der Hongkonger zu eigen machen.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking

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  • Das Imperium schlägt zurück
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    Es geht um ihre Zukunft. Die Studenten in Hongkong fordern echte Demokratie. Die Twitter-Generation sorgt sich, was aus ihr und ihrer Stadt wird. Die chonesische Zentralregierung sperrte bereits Instagram. Und geht nun einen Schritt weiter: Hacker machen Jagd auf die Demonstranten.


    Die Mobiltelefone der Demonstranten in Hongkong werden Experten zufolge offenbar gezielt mit einer Schadsoftware aus China angegriffen. Das Sicherheitsunternehmen Lacoon Mobile Security berichtete am Dienstag von einem Trojaner mit dem Namen "Xsser", das gegen Handys und Tablet-Computer mit dem Apple -Betriebssystem iOS gerichtet sei.

    Die Angreifer seien mit dem Programm in der Lage, Daten wie SMS, Fotos und Passwörter zu stehlen. Eine ebenfalls wohl gegen die Demonstranten gerichtete, ähnliche Software für Googles Android-Geräte sei vergangene Woche entdeckt worden. Da im Programmcode Chinesisch zu finden sei, gehe man von Angreifer mit Sitz in China aus.

    Quelle: Focus
    http://www.focus.de/digital/internet/chinas-digitaler-kampf-hackerangriffe-auf-handys-der-hongkong-demonstranten_id_4172439.html

  • Peking fürchtet 'Domino-Effekt'
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    Es ist nicht nur die grösste politische Krise in Hongkong seit der Rückgabe der britischen Kronkolonie 1997 an China. Es ist auch die bisher grösste Herausforderung für die neue chinesische Führung unter Staats- und Parteichef Xi Jinping, um vor den Augen der Weltöffentlichkeit sein staatsmännisches Geschick zu zeigen. Der Grundsatz «Ein Land, zwei Systeme», nach dem die ehemalige britische Kronkolonie als eigenes Territorium regiert wird, bietet ihm eigentlich die Möglichkeit, in der autonomen chinesischen Sonderverwaltungsregion mehr zuzulassen als anderswo.

    Aber schon der Revolutionär und Staatsgründer Mao Tsetung warnte: «Ein einziger Funke kann einen Steppenbrand auslösen.» In Chinas Internet verbreiten sich schon Bilder von chinesischen Aktivisten, die wie ihre Mitstreiter in Hongkong schwarze T-Shirts und gelbe Schleifen tragen oder Schilder mit Sympathiebekundungen hochhalten. Es kommt zu mehreren Festnahmen - zum Teil wegen «Unruhestiftung».

    Quelle: NZZ
    Peking fürchtet 'Domino-Effekt' der Hongkonger Proteste in China
    http://www.nzz.ch/wirtschaft/newsticker/peking-fuerchtet-domino-effekt-der-hongkonger-proteste-in-china-1.18394286

  • Proteste in Hongkong am Nationalfeiertag
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    Mit einem Schweigeprotest begleiteten die prodemokratischen Demonstranten die offizielle Flaggenzeremonie, während Regierungschef Leung Chun-ying bei einem Empfang mit Ehrengästen mit Sektgläsern auf den Nationalfeiertag anstieß. Demonstrativ wandten Studentenführer Joshua Wong und andere Aktivisten der traditionellen Zeremonie den Rücken zu, als die chinesische und die Hongkonger Flagge gehisst wurden. Sie hielten schweigend die Hände über dem Kopf gekreuzt.

    Die Proteste waren über Nacht weiter friedlich verlaufen, während sich die Polizei auffällig zurückhielt. Heftiger Regen dünnte die Scharen der Demonstranten allerdings etwas aus. Im Laufe des Feiertags werden wieder Zehntausende auf den Straßen erwartet.

    Am Vortag hatte Regierungschef Leung einen Rücktritt abgelehnt und ein Ende der "illegalen" Proteste gefordert. Peking werde seine Pläne für eine nur begrenzte Demokratie nicht zurücknehmen, sagte Leung.

    Mit dem in Hongkong durch die Proteste überschatteten Nationalfeiertag begeht China den Jahrestag der Staatsgründung. Vor 65 Jahren, am 1. Oktober 1949, verkündete Mao Tsetung am Tor des Himmlischen Friedens in Peking die Schaffung der kommunistischen Volksrepublik. Mit dem Feiertag beginnt in China die "Goldene Woche" mit sieben freien Tagen. Viele Städte sind mit Blumen, Fahnen und Lampions geschmückt. Es gibt Konzerte, Feuerwerk und Festivals.

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