Kommentar zu Tebartz-van Elst
Weg frei für einen Neubeginn

Verkrustete Institutionen brauchen Skandale, um sich zu erneuern. Bei der Kirche hat dieser Skandal einen Namen: Tebartz-van Elst. Der Bischof kehrt nicht nach Limburg zurück. Der Papst könnte so einen Umbruch einleiten.
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DüsseldorfFür viele ist die Katholische Kirche heute eine Institution, die fernab und abgehoben von den Problemen des täglichen Lebens existiert. Doch bei genauer Betrachtung funktioniert sie genau so wie Konzerne, Parteien oder Großorganisationen.

Die Krise oder die Erschütterung muss erst existenzbedrohend werden, damit Führungscliquen und Strukturen in Frage gestellt werden, die jahrelang den schleichenden Niedergang gefördert haben. Beim ADAC hat ein Fälschungsskandal die Vereinsspitze das Amt gekostet, bei der FDP hat das Ausscheiden aus dem Bundestag die alten Strukturen hinweggefegt, bei Thyssen-Krupp hat das Desaster mit den Werken in Übersee das Unternehmen aus seiner schläfrigen Selbstzufriedenheit geweckt. Bei der Kirche hat das reinigende Gewitter einen Namen: Franz-Peter Tebartz-van Elst.

Es war eine Affäre, die mit immer neuen Enthüllungen eine Dimension angenommen hat, die schwindelig macht. Da waren ja nicht nur die explodierenden Baukosten für die neue Bischofsresidenz, die von anfangs kalkulierten drei Millionen auf nun mindestens 31 Millionen Euro gestiegen sind.

Es war die selbstherrliche Art, mit der der Bischof auftrat, es war die Chuzpe, mit der er sich heimlich bei Stiftungen bediente, um die Mehrausgaben zu kaschieren, es war die Selbstverständlichkeit mit der er sich Privilegien genehmigte und es war der Starrsinn und die Uneinsichtigkeit, mit der er auf Kritik reagierte.

Dass der Papst ihn jetzt gefeuert hat (denn nicht anderes ist in Wirklichkeit der angenommene Rücktritt), bringt nicht nur für viele Gläubige im Bistum Limburg Erleichterung. Papst Franziskus hat damit auch ein Zeichen gesetzt: Die Zeit der Selbstherrlichkeit ist vorbei. Auch ein Bischof darf sich nicht alles erlauben. Nur wer im täglichen Leben die christlichen Prinzipien von Nächstenliebe, Bescheidenheit und Brüderlichkeit vorlebt, kann die Kirche glaubwürdig repräsentieren.

Die katholische Kirche in Deutschland hat nun die Chance für einen historischen Neubeginn. Denn nicht nur in Limburg ist die Bistumsspitze neu zu besetzen. Auch die beiden wichtigen Erzbistümer Köln und Freiburg brauchen nach den altersbedingten Rücktritten von Joachim Meisner und Robert Zollitsch neue Erzbischöfe.

Ein Anfang ist bereits gemacht: Die deutschen Bischöfe haben Reinhard Marx zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz gewählt. Sicherlich , Marx ist kein Revolutionär. Aber er steht für eine moderne und offene Kirche, die über den Tellerrand hinaus schaut, die Lebenswirklichkeit der Menschen wahrnimmt, statt sich auf Dogmen zurückzuziehen.

Papst Franziskus hat nun eine große Verantwortung. Er muss das richtige Führungspersonal auswählen, das die Katholische Kirche in Deutschland wieder näher an die Menschen heranführt. Wie gehen wir mit Wiederverheirateten um, wie mit Homosexuellen? Wie mache ich Religion und Kirche wieder für junge Menschen attraktiv? Der Skandal von Limburg ist ein Menetekel: Er steht für alles, was die Kirche nicht mehr sein soll. Der Rücktritt von Tebartz-van Elst hat Hoffnungen geweckt, die nicht enttäuscht werden dürfen.

Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum

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  • Die ganze Aufregung ist mir unverständlich. Wer an den kirchlichen Firlefanz glaubt, sollte auf alles Menschliche vorbereitet sein.
    Alle anderen schauen von außen zu und freuen sich an der Clownerie des menschengemachten Hoskuspokus mit Namen Glauben.

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