Kommentar zum Anschlag auf „Charlie Hebdo“: Mein Gott!

Kommentar zum Anschlag auf „Charlie Hebdo“
Mein Gott!

Der Anschlag von Paris ist eine Sache der Polizei und nicht der Politik. Die Politik und wir alle können unbequeme Fragen allerdings nicht mehr einfach ignorieren.
  • 42

Unter dem Banner einer radikal missbrauchten Religion werden in einer europäischen Hauptstadt Menschen ermordet, die es gewagt haben, mit Stift und Hirn eben diesen Radikalen den Spiegel vorzuhalten. Die es sich zur Aufgabe gemacht haben, mit Hilfe der Satire Dinge zu überspitzen, um ihren Kern freizulegen.

Die mit der Waffe des Witzes uns immer wieder gezeigt haben, dass es auch einen anderen als einen angsterfüllten Umgang mit Andersdenkenden gibt. Doch Humor gegen Handgranaten, Karikatur gegen Kalaschnikows, Satire gegen Sadisten – das funktioniert nur in einer intellektuellen Welt. Auf der Straße unterliegt der Schlagfertige dem Schläger.

Also rüsten auch wir zum Kreuzzug. Also verteidigen auch wir unsere Werte wie Freiheit und Demokratie mit aller Kraft.  Also – auf in den Kampf für Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und die Rettung des Abendlandes?

Nein. Stopp. So nicht. Wir würden alles, was uns wichtig ist, verraten, wenn wir jetzt nicht besonnen blieben. Lassen wir die Polizei und den Staatsanwalt die Mörder dingfest machen. Und während die Staatsgewalt ihre Arbeit erledigt, können wir eine Diskussion darüber führen, was eigentlich diese Mörder im Namen Allahs bezwecken wollen und wie wir uns ihrer erwehren.

In dieser Diskussion brennen uns Fragen auf den Nägeln, die wir lange ignoriert haben, weil sie nicht in unser Weltbild passen. Zum Beispiel die, ob der Islamismus von heute vergleichbar ist mit dem Faschismus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Oder zum Beispiel, wie weit unsere Weltoffenheit gehen kann, wenn wir dadurch zum Ziel für grausame Attentäter werden. Oder zum Beispiel auch die, wie weit unser Verständnis für andere Kulturen eigentlich reichen soll, wenn dadurch unsere eigene Weltanschauung beschnitten wird.

So was muss nicht im Luftreich der Gedanken stattfinden, sondern es gibt ganz konkrete große und kleine Fragen: Darf eine Stewardess eine Kette mit einem Kreuz um den Hals tragen oder verletzt sie damit, wie mancher Arbeitgeber meint, die Gefühle religiöser Kunden?

Wenn wir diese Diskussionen nicht führen, entstehen Bewegungen wie die der 18.000 Menschen, die sich in Dresden auf die Straße begeben und gegen eine Islamisierung des Abendlandes protestieren, die es gar nicht gibt.

Wenn wir die Diskussion nicht führen, wird es immer mehr Menschen geben, die nicht unterscheiden wollen zwischen dem Kampf der Staatsgewalt gegen Islamisten und einer allgemeinen Ausländerfeindlichkeit. Pegida wird weiteren Zulauf haben.

Es entstehen Parteien wie möglicherweise die AfD in Deutschland, wie die Freiheitlichen in Österreich oder der Front National in Frankreich, die die Sprachlosigkeit mit dumpfen Parolen ausfüllen und damit genau in jene Falle laufen, die uns die Terroristen stellen.

Es hilft also alles nichts: Wir müssen reden. Und zwar nicht mit den Terroristen, sehr wohl aber untereinander.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Kommentar zum Anschlag auf „Charlie Hebdo“: Mein Gott!"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Hallo Herr Stoch,

    vorab dies gehört zu den besseren Kommentaren die ich in letzter Zeit zu diesem Thema gelesen habe!

    Für mich sind drei Punkte entscheidend:
    1.) wir brauchen eine Politik die bereit ist sich aktiv mit den Schattenseiten des Islams zu beschäftigen und hier auch aktiv die Aufhetzer zu Tätern macht. Es kann nicht sein, dass es in Deutschland Zentren (Moscheen genannt) gibt in denen unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit Hass verbreitet werden kann und massiv Radikalisierung betrieben werden darf.
    Wer Propaganda von Islamisten verbreitet der macht sich der Unterstützung des Terrors schuldig. Verbreitung von Propaganda Videos über Youtube, Twitter Accounts, Facebook Accounts, etc. sollte aktiv verfolgt werden und die Firmen die diese Verbreitung unterstützen zur Verantwortung gezogen werden!

    2.) Integration fängt für mich bei integriert werden wollen an. Dazu gehört eine Offenheit gegenüber der Kultur in die ich mich integriere möchte dazu. Hier sind meiner Meinung nach Menschen aus islamischen Ländern in der Bringschuld. Wer sich nicht integrieren möchte sollte sich überlegen ob er hier falsch ist. Zur Integration wesentlich gehört der Glaube an einen säkularen Staat und das Stellen des Grundgesetzes über die religiösen Gesetze. Diskussionen wie Schulfrei zum Freitagsgebet für schulpflichtige Kinde, Kopftuch/Burka für Schülerinnen, getrennter Schwimmunterricht, etc. sind kein Zeichen des integriert werden Wollens, sondern der gezielten Spaltung. Das darf politisch nicht auch noch unterstützt werden!

    3.) Wir brauchen eine Politik für Menschen, grundsätzlich sollte jeder die Chance haben seinen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, dafür brauchen wir auch Aufgaben für alle. Es kann nicht jeder der beste sein und so brauchen wir auch Stellen für diejenigen, die dem Leistungsdruck nicht gerecht werden oder ihm überdrüssig sind.

    Ansonsten hoffe ich auf eine Kultur in der zunächst jeder Mensch als Mensch willkommen ist.

    LB

  • >> Die Politik und wir alle können unbequeme Fragen allerdings nicht mehr einfach ignorieren. >>

    Ja, H.Stock. Sie kommen wohl so langsam auch zur Erkenntnis, dass man mit Ignoranz, Arroganz und Aussitzen auf dem falschen Pfad ist !

    Das gleiche gilt auch für die Zensur, die Sie in ihrem Blättchen mittels ihrer Netiquette bei kritischen, aber berechtigten Kommentaren, auch vollziehen.

    Sie sollten mal inne gehen mit ihren Kollegen und sich die Frage stellen, ob Sie nicht die Mitverantwortung für die Geschehnisse in diesem Lande tragen !

    Und unter diesen Geschehnissen sind in erster Linie der Politdilettantismus, die Medienlügen, die Menschenverachtung bei andersdenkenden zu sehen.

  • >> Die Politik und wir alle können unbequeme Fragen allerdings nicht mehr einfach ignorieren. >>

    Ja, H.Stock. Sie kommen wohl so langsam auch zur Erkenntnis, dass man mit Ignoranz, Arroganz und Aussitzen auf dem falschen Pfad ist !

    Das gleiche gilt auch für die Zensur, die Sie in ihrem Blättchen mittels ihrer Netiquette bei kritischen, aber berechtigten Kommentaren, auch vollziehen.

    Sie sollten mal inne gehen mit ihren Kollegen und sich die Frage stellen, ob Sie nicht die Mitverantwortung für die Geschehnisse in diesem Lande tragen !

    Und unter diesen Geschehnissen sind in erster Linie der Politdilettantismus, die Medienlügen, die Menschenverachtung bei andersdenkenden zu sehen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%