Kommentar zum Ifo-Absturz
Die Achterbahnfahrt geht weiter

Die deutsche Wirtschaft unterliegt derzeit extremen Schwankungen. Schuld daran ist die Angst um die Zukunft Europas. Sie lässt die Unternehmen mit Investitionen zögern.
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Nun ist es also passiert: Die beiden wichtigsten Frühindikatoren für die deutsche Konjunktur sind deutlich abgeschmiert. Das zweite Quartal dürfte für die deutsche Wirtschaft somit ungemütlich werden – nachdem sich das erste, jüngst von den Statistikern abgerechnete, noch so überraschend stark war. Doch jetzt, im Mai, ist der Geschäftsklimaindex des Münchener Ifo-Instituts deutlich auf einen Wert von 106,9 gefallen. Und auch der Einkaufsmanagerindex, den die Londoner Unternehmensberatung Markit herausgibt, sackte weiter ab. Dieses Mal allerdings erstmals unter die Marke von 50, die – wie man so schön sagt – psychologisch wichtig ist, zeigt sie doch an, ob die Geschäfte der Befragten grundsätzlich wachsen oder schrumpfen.

Eigentlich hatten Konjunkturexperten die umgekehrte Reihenfolge vorausgesagt: Erstes Quartal noch mau, zweites Quartal super. Nun kommt es wohl andersherum. Mit Wetten auf die Konjunktur lässt sich gerade kaum Geld verdienen - die deutsche Wirtschaft bereitet den Volkswirten mit ihren Computer-Simulationen zurzeit arge Probleme. Denn sie folgt einfach nicht mehr den alten Wegen. Eine Runde Ebbe und Flut, also ein Zyklus aus Ab- und Aufschwung, dauert normalerweise rund fünf Jahre – doch jetzt springt die Konjunktur quartalsweise hin und her.

Schuld daran ist die unübersichtliche Lage, in der sich die deutsche Wirtschaft befindet – es gibt quasi Licht und Schatten gleichzeitig. Einerseits ist da der nach wie vor gigantische Hunger nach deutschem Know-How, nach unseren Maschinen und Autos, vor allem in den Schwellenländern und den USA. Das sorgt für Vertrauen und lässt die Exportwirtschaft rotieren, wie jüngste Zahlen der Statistiker zeigen: Deutschland verkauft so viel wie nie ins Ausland, davon immer mehr nach Übersee.

Andererseits ist da die Eurokrise – die nicht nur in den Krisenstaaten die Konjunktur herunterzieht, sondern mehr und mehr auch bei den früher so starken Euro-Partnern wie Frankreich und den Niederlanden. Deutschland steht zwar weiter wie ein Leuchtturm in einem tosenden Meer, doch ganz abkoppeln können wir uns nicht - zumal die deutschen Konsumenten trotz guter Lohnentwicklung kaum öfter einkaufen gehen als vorher. Die Unsicherheit über die Zukunft Europas macht auch die deutschen Firmen ängstlich – im Inland investieren sie immer weniger.

Was folgt daraus? Erst einmal dürfte es mit dem Hin-und-Her-Springen der Konjunktur weitergehen. Dass die schlechten Index-Zahlen von heute auch nur eine Momentaufnahme und kein neuer Trend sein könnten – darauf deuten die Details der Umfragen von Markit und Ifo: Die Meinung der Befragten zur zweiten Jahreshälfte ist nämlich weit weniger schlecht als die zur aktuellen Lage – und im Langzeitvergleich sogar gut. Das heißt: Im Spätsommer könnte es wieder aufwärts gehen. Die Wachstumskurven 2012 – sie werden erratisch bleiben.

 

Der Redakteur des Handelsblatts ist Experte für Konjunktur.
Hans Christian Müller-Dröge
Handelsblatt / Redakteur

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