Kommentar zum Kabinett
Der gezähmte Sigmar Gabriel

Im neuen Kabinett wird Sigmar Gabriel eine zentrale Rolle spielen. Doch als Superminister liefert sich der SPD-Chef auf Gedeih und Verderb der Kanzlerin aus. Die Basis müsste entsetzt sein.
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DüsseldorfEben ist Berlins bestgehütetes Geheimnis rausgebröselt: die Ministerliste der SPD. Noch bevor die Partei weiß, ob ihre Mitglieder sie überhaupt in einer Koalition mit der Union an der Regierung sehen wollen, kommt heraus, mit wem sich die Partei das Regieren vorstellt. Da wird das Fell des Bären verteilt, bevor er erlegt ist.

Warum trauten sich Gabriel und  Co. nicht vorher, ihren Genossen nicht nur mitzuteilen, worüber sie abstimmen, sondern auch über wen sie abstimmen?  Vermutlich trieb sie die Sorge, dass die Diskussion um die Postenverteilung die Debatte über die Inhalte des Koalitionsvertrags übertüncht hätte.

Tatsächlich setzt genau diese Diskussion jetzt umso vehementer ein. Sie entzündet sich am mächtigsten Mann der SPD: eben Sigmar Gabriel. Seine Macht war nicht groß genug, um der Kanzlerin den wichtigsten Posten abzutrotzen: den des Finanzministers. Wer auf der Kasse sitzt, hat das Sagen. Und da darf das Tandem aus Angela Merkel und Wolfgang Schäuble weiter seine Bahnen ziehen.

Stattdessen soll Gabriel offenbar den Wirtschaftsminister machen, der auch für die Energiewende zuständig ist. Das ist eine der zentralen und anspruchsvollsten Aufgaben der kommenden Legislaturperiode. Sie fordert den ganzen Mann und erfüllt damit genau den Zweck, den Merkel im Sinn hat: Sie muss Gabriel einbinden. Sie muss es ihm so schwer wie möglich machen, aus der Koalition auszusteigen. Je mehr Verantwortung sie ihm aufbürdet, um so fester kettet sie ihn an das Amt. Eine 180-Grad-Wendung auf halber Strecke wird für Gabriel umso schwerer,  je mehr Aufgaben auf seinen Schultern liegen. Er stünde als Versager da, wenn er den Bettel hinschmeißt. Mit dem Posten, der Gabriel nun zugedacht ist, hat Merkel den Mann, der ihr Herausforderer sein könnte, gezähmt und an sich gebunden.

Ob die Mitglieder das gewollt hätten? Ein Parteichef Gabriel, der sich ohne die Last des Ministeramts vehement um ihre Interessen hätte kümmern können, wäre ihnen wahrscheinlich lieber gewesen. Diese Entscheidung allerdings überließ ihnen der Boss gar nicht erst. Basisdemokratie ist gut und schön, mag er sich gedacht haben, aber sie muss auch ihre Grenzen haben. Ein glanzvoller Auftakt sieht anders aus.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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