Kommentar zum Weltfrauentag
Selbstmitleid ist falsch am Platz

Ergebnisse wie in den fünfziger Jahren: In Deutschland haben es Frauen einer aktuellen Studie zufolge im Berufsleben so schwer wie in kaum einem anderen EU-Land. Sie verdienen ein Fünftel weniger als Männer, arbeiten extrem oft in Teilzeit, machen selten Karriere – und das wird auch so bleiben.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit: Diese Forderung konnten die Gewerkschaften bereits vor Jahrzehnten zugunsten der Frauen vor dem Bundesverfassungsgericht durchsetzen. Auf dem gleichen Arbeitsplatz darf seither das Geschlecht kein Grund für eine niedrigere Bezahlung sein.

Dennoch verdienen Frauen heute insgesamt immer noch deutlich weniger als Männer. Das belegt auch die neue EU-Studie: In Deutschland haben es demnach Frauen im Berufsleben so schwer wie in kaum einem anderen Land der Union.

Sicherlich: In vielen Unternehmen versauern Frauen in Stabs-, Hilfs- und Zuarbeitsfunktionen, weil man ihnen keine Linien- oder Leitfunktion zutraut: aus kulturellen Gründen, oder weil man sie schlicht für ungeeignet hält.

Geht es um Erfolg im Beruf, bleiben Männer gerne unter sich. Ein Mann weiß, wie ein Mann tickt. Kommt eine ehrgeizige Frau ins Spiel, sorgt das nicht selten für Irritation. Schnell wird sie dann unangenehm und mit wenig umschmeichelnden Ausdrücken wie „karrieregeil“ oder „Mannsweib“ bedacht.

Doch Selbstmitleid ist hier falsch am Platz. Nicht nur die Männer sind Schuld am mageren Einkommen. Es sind die Frauen selbst, die überwiegend schlechter bezahlte Berufe wählen. Sie machen ihre Entscheidung ob und für wen sie arbeiten, weniger vom Geld abhängig als Männer. Dazu passt ein Witz, der unter Personalern kursiert: „Willst du nicht, dass sich eine Frau auf eine Stelle bewirbt? Dann schreibt sie einfach hoch dotiert aus!“

Und sobald Paare Kinder bekommen, verändern immer noch in erster Linie die Frauen ihre Arbeitssituation und hecheln später den männlichen Kollegen hoffnungslos abgeschlagen hinterher. Die Folge: Gut bezahlte Spitzenpositionen werden in den meisten Branchen vornehmlich mit Männern besetzt.

Wer Erfolg haben will, darf nicht nur fleißig sein, sondern muss strategisch agieren. Frauen sollten sich fragen, wie sie sich besser positionieren und sichtbar machen können. In Deutschland gibt es zwar viele kompetente Frauen, aber immer noch sehr wenige, die sich nach vorn trauen.

Die deutsche Gesellschaft hat sich noch nicht daran gewöhnt, Frauen in Machtpositionen zu sehen. Frauen müssen lernen, ihre Fähigkeiten selbstbewusst zu vertreten. Und Männer müssen lernen, damit umzugehen. Das erfordert ein Umdenken auf beiden Seiten. Solange Männer wie Frauen lieber über die Frisur von Kanzlerin Merkel diskutieren als über ihre Leistungen, bleiben die Hürden für den weiblichen Nachwuchs höher. Bis zur Anpassung der Gehaltschecks werden noch viele Weltfrauentage vergehen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%