Kommentar zum Zukunftsplan
Opel wird entkernt

Mit dem Zukunftsplan, den Opel sich auferlegt hat, wird die Marke vieles aufgeben müssen, was man liebgewonnen hatte. Doch zu einem radikalen Schnitt gibt es keine Alternative, wenn die Marke langfristig überleben will.
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DüsseldorfPSA-Chef Carlos Tavares liebt die Ästhetik des Rennsports. Schon kurz nach der Übernahme von Opel ließ der leidenschaftliche Rennfahrer sich gemeinsam mit dem neuen Opel-Chef Michael Lohscheller auf der Rennstrecke fotografieren. Er auf dem Fahrersitz, Lohscheller daneben. Das sind Bilder, die dem Portugiesen gefallen.

Nicht umsonst hat man in Rüsselsheim den Plan, der Opel wieder profitabel machen soll, zum Gefallen des französischen Chefs mit einer Vokabel aus dem Rennsport überschrieben: „Pace“, Geschwindigkeit, steht über dem Strategiepapier, das Lohscheller und seine Kollegen in den vergangenen Wochen erarbeitet haben und mit dem Opel wieder rentabel werden soll. Tavares verlangt Tempo, und er soll es bekommen. Damit der Rennwagen aus Rüsselsheim diese Geschwindigkeit erreicht, ist man bereit, Ballast abzuwerfen. Opel wird sich in den kommenden Jahren von vielen Dingen trennen müssen, die man in Rüsselsheim ins Herz geschlossen hat.

Das Streichkonzert in der Modellpalette beginnt mit dem defizitären Elektroauto Ampera-E, das Opel vom bisherigen Mutterkonzern General Motors bezieht. Das Modell, das Opel noch vor einem Jahr beim Autosalon in Paris opulent inszenierte, dürfte wohl niemals auf dem europäischen Markt ankommen. Stattdessen setzt Opel auf PSA-Technologie, um alle Modellreihen zu elektrifizieren. Das ist günstiger und darum absolut vernünftig.

Schmerzhafter werden die Umstellungen bei Modellen, die jahrelang das Herz von Opel ausmachten: Modelle wie der Corsa, der Astra oder der Insignia, die momentan noch auf GM-Technologie basieren – und mittelfristig auch ein französisches Herz bekommen werden. Denn die zwei Plattformen und vier Antriebsfamilien soll sich Opel künftig mit den Schwestermarken Citroën und Peugeot teilen.

An den deutschen Standorten wird der Umbau schon in den nächsten Monaten beginnen müssen. Opels Lebensversicherung der vergangenen Jahre, der kompakte SUV Mokka, soll schließlich ab 2019 in Eisenach vom Band laufen. Ob das Modell seinen Namen behält, ist unklar. Dass der Nachfolger auf einer PSA-Plattform gebaut wird, ist dagegen sicher. Modelle wie Corsa und der Combo sollen folgen. Grandland und Crossland werden heute schon gemeinsam gebaut.

„Pace“ ist im Grunde nichts anderes als der erklärte Plan, Opel zu entkernen. „Opel bleibt deutsch“, wiederholen Lohscheller und Tavares zwar so oft es geht, denn international haben deutsche Autos einen besseren Ruf als französische. Doch die Phrase wird nicht wahrer, je öfter man sie wiederholt. Opel wird in Zukunft so deutsch sein, wie die VW-Tochter Skoda tschechisch ist.

Die „Luft zum Atmen“, die Tavares den Ingenieuren am Stammsitz in Rüsselsheim gewähren will, ist relativ dünn. Antriebe und Plattformen kommen aus dem PSA-Reich. In Rüsselsheim wird in Zukunft vor allem am Design und der Feinabstimmung der neuen Modelle gearbeitet. Das ist nicht viel im Vergleich mit der Vergangenheit.

Die anderen Entwicklungsaufgaben, die der PSA-Konzern den Opelanern übertragen will, sind bestenfalls langfristig arbeitsintensiv. Wasserstoffantriebe spielen in der Konzernstrategie noch eine untergeordnete Rolle. Die Standardisierung für den US-Markt, die Opel künftig übernehmen soll, brauchte PSA bislang noch nicht, weil dort keine Modelle verkauft werden. Ob diese Aufgaben also die bisherigen Entwicklungsarbeiten, wie beispielsweise den Bau von Dieselmotoren, kompensieren können, wird man sehen.

Eine Alternative gibt es nicht

Trotz aller Kritik, die PSA von traditionsbewussten Opel-Fans entgegenschlagen wird, ist der Umstieg auf französische Technologie alternativlos. Für Eigenentwicklungen sind die Stückzahlen, die Opel mittlerweile verkauft, einfach zu klein, insbesondere, wenn man im harten Volumenmarkt überleben will.

Dabei wird Opel auch getrieben von der schlichten Macht der Fakten. Denn alleine hätte man in Rüsselsheim die strengen CO2-Vorgaben aus Brüssel nicht erfüllen können. Aus Branchenkreisen hieß es immer wieder, dass die schlechte Klimabilanz ein Motiv für General Motors gewesen sei, sich endgültig von der defizitären Europamarke zu verabschieden. Die neue Mutter PSA ist dagegen bereits mit sparsamen Motoren in der komfortablen Lage, den Flottenschnitt von Opel schnell auf das gesetzlich vorgeschriebene Niveau zu senken.

Und die neue Mutter öffnet Opel auch die Türen zum Weltmarkt: Die globale Expansion, die PSA der Tochter Opel in Aussicht stellt, wird zwar kurzfristig sicher nicht für einen Absatzsprung sorgen. Doch dass man der Marke zutraut, trotz jahrzehntelanger Abstinenz auch auf dem Weltmarkt reüssieren zu können, ist ein Vertrauensvorschuss aus Paris. Offensichtlich will PSA mit der Übernahme von Opel nicht nur Marktanteile in Europa kaufen.

Andere Konzerne haben längst vorgemacht, dass eine markenübergreifende Plattformstrategie der richtige Weg ist, um rentabel zu arbeiten. Volkswagen macht es bei Skoda, Seat und der VW-Kernmarke vor. Auch Renault hat es gemeinsam mit Partner Nissan geschafft, die Einkaufsmacht zu erhöhen und die Komplexität der Produktion zu reduzieren. Und nicht zuletzt ist auch PSA ein gutes Vorbild für den Weg, den Opel nun beschreitet.

Darum geben sich auch die Gewerkschafter friedlich, obwohl auch sie insgeheim wissen dürften, dass die nächsten Jahre nicht ohne Stellenabbau vonstattengehen werden. Doch die Alternative, das wissen die eingefleischten Opelaner, wäre wohl das Ende von Opel gewesen.

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