Kommentar zur deutschen Konjunktur
2008 - Chance auf Widerstand

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Balance – dieses französische Wort bezeichnet einen Zustand, in dem sich entgegenwirkende Kräfte im Gleichgewicht befinden. Genau das müssen Unternehmer und Tarifparteien erreichen, wenn die deutsche Wirtschaft nach der robusten Entwicklung 2007 auch 2008 ein erfolgreiches Jahr verbuchen will: Die Balance zwischen ausreichend großen Lohnerhöhungen, um den privaten Konsum in Gang zu bringen und ausreichend geringen Lohnerhöhungen, um das Beschäftigungswachstum nicht zu bremsen.

Wie dringend der private Verbrauch in Deutschland zulegen muss, zeigt ein kurzer Blick in die Vergangenheit. Jahrelang stand die hiesige Wirtschaft im Grunde nur auf einem – wenn auch sehr gesunden – Bein: Der Außenhandel trug in den vergangenen vier Jahren jeweils deutlich mehr zum Wirtschaftswachstum bei als der private Konsum, das deuten auch die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes für das vergangene Jahr an. Das wird 2008 anders sein.

Seit 2003 wächst die Weltwirtschaft mit Wachstumsraten von vier bis fünf Prozent. Damit dauert der Boom so lange an, dass die zyklisch bedingte Verlangsamung des Wachstumstempos nicht länger auf sich warten lassen wird. Und die Finanzmarktkrise in den USA entschleunigt zusätzlich. Darunter könnten die großen europäischen Volkswirtschaften am Ende länger leiden als die amerikanische Wirtschaft selbst – weil sie weniger flexibel reagieren werden.

Die vor Kraft strotzenden Schwellenländer halten zwar dagegen. Ein Blick auf die deutsche Exportstruktur zeigt allerdings, wie wenig das den hiesigen Unternehmen helfen dürfte. Mehr als 40 Prozent ihrer Ausfuhren gehen in die europäischen Nachbarländer, rund zehn Prozent in die USA und weitere Anteile in andere reiche Industrienationen. Daher dürfte der Außenhandel in diesem Jahr deutlich weniger zum Wirtschaftswachstum beisteuern als zuletzt.

Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Wenn das Ausland Schwäche zeigt, muss das Inland zulegen. Eine robuste Entwicklung des Arbeitsmarktes und eine moderate Entwicklung der Tariflöhne könnten für ein merkliches Plus der Einkommen in Deutschland sorgen – und müssen es auch.

Warum, lehren auch in diesem Fall alte Statistiken. In den Boomjahren 2000 und 2001 wuchsen die verfügbaren Einkommen laut Bundesbank jeweils um mehr als drei Prozent pro Jahr. Das machte sich in der Einkaufslaune der Deutschen bemerkbar: Der private Konsum legte damals um mehr als zwei beziehungsweise knapp zwei Prozent zu pro Jahr. Zum Vergleich: 2002 und 2005 und auch 2007 war er rückläufig, in den Jahren dazwischen stagnierte er mehr oder minder - mit Ausnahme von 2006, als die anstehende Mehrwertsteuererhöhung für Vorzieheffekte sorgte.

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