Kommentar zur EZB
Draghi macht die Drecksarbeit

Die Wirtschaft im Euro-Raum strauchelt. Und wieder ist es Mario Draghi, der entschlossen handelt. Der Kurs des EZB-Chefs ist riskant – nichts zu tun wäre aber noch riskanter gewesen.
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Mario Draghi hat heute die ohnehin hohen Erwartungen der Märkte noch übertroffen – und das ist gut so. Denn die Zentralbank darf nicht  tatenlos zusehen, wenn sie ihr einziges im Mandat festgeschriebenes Ziel, nämlich das der Preisstabilität, verfehlt.

Die EZB definiert Preisstabilität bei einer Inflation nahe zwei Prozent. Im August lag die Rate in der Eurozone aber bei 0,3 Prozent. Je stärker die EZB ihr Ziel verfehlt, desto größer ist die Gefahr einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale.

Aktuelle Daten zeigen, dass auch die langfristigen Inflationserwartungen in der Eurozone zuletzt deutlich zurückgegangen sind. Wenn aber die Tarifparteien dauerhaft mit niedrigeren Preisen rechnen und das in die Lohnverhandlungen einfließt, sinken die Preise noch weiter – ein Teufelskreis.

Rein ökonomisch hat die von Draghi verkündete Zinssenkung keinen großen Effekt, doch sie ist ein starkes Signal. Wichtiger noch sind die angekündigten Käufe von Kreditverbriefungen und Pfandbriefen. Draghi wollte zwar keine genaue Summe nennen, in EZB-Kreisen kursiert aber die Zahl von 500 Milliarden Euro.  

Das zeigt: Das Programm ist ein Zwitter zwischen dem reinen Kauf von Kreditverbriefungen und so genannter Quantitativer Lockerung, also dem großangelegten Ankauf von Vermögenswerten. Dieser weitergehende Schritt ist logisch. Die Erfahrung aus anderen Ländern wie Japan zeigt, dass kleine Schritte im Kampf gegen niedrige Preise leicht verpuffen – und Entschlossenheit gefragt ist.

Natürlich ist Draghis Entscheidung nicht ohne Risiken. Wenn die EZB Kredite am Markt aufkauft, holt sie sich auch deren Risiken in die Bücher. Das Risiko durch die Kreditkäufe muss aber gegen das Deflationsrisiko abgewogen werden. Und da gilt: Unterm Strich wäre eine Spirale aus sinkenden Preisen, Löhnen und Investitionen viel teurer.

Kritiker werden einwenden, dass die EZB mal wieder den Ausputzer für die Politik spielt. Sie fürchten, dass die Politik dadurch Reformen auf die lange Bank schiebt. Die wirklich wichtigen Reformen aber sind Strukturreformen wie zum Beispiel eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes. Solche Reformen brauchen Zeit, bis sie wirken, und sie können kurzfristig das Wachstum sogar schwächen. Hier kann die Geldpolitik die Reformen flankieren und unterstützen.

Eher besteht die Gefahr, dass die Konjunkturimpulse der EZB fiskalstarke Länder wie Deutschland dazu verleiten, nicht genug zu investieren. Die Zinsen für zehnjährige Bundesanleihen liegen unter einem Prozent. Bei diesem Zinsniveau könnten Investitionen in Schulen, Universitäten und Straßen mit Sicherheit eine viel höhere Rendite erreichen als die Zinskosten. Dass die Bundesregierung hier nicht mehr macht, ist ökonomisch völlig irrational. Daran ändert aber die Geldpolitik nichts.

Draghi hat sich für entschlossenes Handeln entschieden. Die Risiken, die er dabei eingeht sind kleiner, als wenn er gar nichts getan hätte. Man wünschte unseren führenden Politikern eine ähnliche Entschlossenheit.

Mallien Jan
Jan Mallien
Handelsblatt / Geldpolitischer Korrespondent

Kommentare zu " Kommentar zur EZB : Draghi macht die Drecksarbeit"

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  • Draghis vergiftete Geschenke
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    Jetzt will er also auch massenweise Schrottpapiere aufkaufen und diese in die Bücher der EZB nehmen.
    Dafür haftet natürlich der Steuerzahler.
    Und es geht hier NICHT um die Rettung des Euros sondern um die Rettung von Pleitebanken.

    Kreditverbriefungen gelten als heißes Eisen. Sie waren in der Finanzkrise 2007/08 vor allem in den USA als Brandbeschleuniger in Verruf geraten. Damals wurden vor allem faule Hypothekenkredite verbrieft, also die Auslöser der Krise. Der Käufer der Verbriefungen holte sich also faule Kredite in seine Bilanz und musste am Ende deren Ausfall akzeptieren. Der Markt für solche Papiere war daraufhin weitgehend zusammengebrochen.

    Wenn man glaubt, es kann nicht schlimmer kommen, dann kommt Draghi!

  • Eigentlich verstehen die Bürger unter dem Begriff 'Preisstabilität' eine Inflation von nahe Null Prozent. Aus Sicht der sparenden Bürger ist ein dringender Handlungsbedarf, um die Inflation schnell in Richtung zwei Prozent zu drücken, nicht gegeben. Auch nicht, um die Konjunktur in D künstlich zu beleben.

    vg

  • @Wahr, da haben Sie leider recht!
    Wir haben den Ländern von Zypern über Frankreich bis Irland geholfen. Gedankt hat uns dafür nach meinem Kenntnisstand noch niemand, mit alten Rechnungen sind sie aber schnell bei der Hand, obwohl wir nun als 2. oder 3. Generation mit dem II. WK wirklich nichts zu tun hatten.
    Wer in historischen Dimensionen denkt, wird wissen, dass eine Gemeinschaftswährung noch nie von langer Dauer war. Zu unterschiedlich ist die Entwicklung der Euro-Länder, zu unterschiedlich ihre Rechtsgrundlagen in punkto Steuer- Arbeits- und Sozialversicherung. Draghi mag aus seiner Sicht alles getan haben, um den Euro zu retten. Viele dieser EZB-Maßnahmen sind mM nach sogar illegitim, es wird diese Kunstwährung aber länger am Leben halten, letztlich ist sie jedoch zum Scheitern verurteilt. Leider wird die Politik erst dann zu dieser Einsicht gelangen, wenn die Schuldenberge so exorbitant in die Höhe gestiegen (quasi über den Kopf gewachsen) sind, dass sie nicht mehr händelbar sind. Das kann zwar noch etwas dauern, aber die stetigen Verstöße gegen marktwirtschaftliche Gesetze wird unweigerlich zum Zusammenbruch führen.

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