Kommentar zur EZB-Entscheidung

Kein Grund zum Jammern!

Die EZB greift zu drastischen Mitteln, um die Inflation anzufachen. Davon werden langfristig auch die deutschen Sparer profitieren. Sie sollten nicht auf das Gejammer von Bank-Funktionären hören.
23 Kommentare
Mallien Jan

Jan Mallien, geldpolitischer Korrespondent.

Mario Draghi hat nicht zu viel versprochen. Die heute verkündeten Maßnahmen der EZB gehen  weiter als bisher. Strafzinsen für Banken sind dabei nur ein kleiner Baustein von vielen. Diese Entscheidung  wird in Deutschland für große Aufregung sorgen, aber sie ist richtig. Wenn die EZB untätig geblieben wäre, hätte sie gegen ihr eigenes Mandat verstoßen.

Im Mandat der EZB ist als primäres Ziel Preisstabilität festgeschrieben. Die EZB definiert diese als eine Preissteigerung von nahe zwei Prozent. Davon ist die Eurozone ganz weit entfernt. Im Mai lag die Inflation gerade mal bei 0,5 Prozent – knapp 1,5 Prozentpunkte unter dem Ziel.  Draghi musste handeln, um seine Glaubwürdigkeit zu bewahren.

Man stelle sich einmal vor, die Inflation würde im gleichen Umfang nach oben vom Ziel der EZB abweichen. Bei einer Preissteigerung von 3,5 Prozent wäre völlig klar, dass die EZB massiv eingreift. Das Inflationsziel der EZB gilt aber aus guten Gründen in beide Richtungen – nach unten wie nach oben. Eine besonders niedrige Inflation ist mindestens genauso gefährlich, wie eine besonders hohe. Denn gegen hohe Inflation gibt es bewährte Mittel, mit denen die Zentralbanken jahrzehntelange Erfahrung haben. Im Kampf gegen Deflation tappen sie hingegen weitgehend im Dunkeln. Erfahrungen gibt es bisher vor allem aus Japan – und die sind nicht sehr ermutigend.

Deshalb ist es so wichtig, dass die EZB eine Spirale nach unten vermeidet. Wenn erst mal die Inflationserwartungen zurückgehen und die Tarifparteien das in den Lohnabschlüssen berücksichtigen, verstärkt sich der negative Preistrend von selbst. Rechnen Unternehmen und Verbraucher mit sinkenden Preisen, investieren sie zögerlicher. Gleichzeitig erhöht Deflation die Last der Schulden. Eine solche Spirale ließe sich nur schwer stoppen.

Bezeichnend ist, dass die Entscheidung für die Maßnahmen diesmal einstimmig fiel. Selbst der sonst so kritische Bundesbank-Chef Weidmann stimmte diesmal dafür. Die Risiken der Aktion sind überschaubar. Ein dramatischer Anstieg der Inflation ist eben so wenig zu erwarten wie größere Investitionsblasen.

Die von Draghi verkündeten Maßnahmen stützen die Inflation und das Wachstum in der Eurozone. Damit tragen sie dazu bei, dass die Wirtschaft in der Eurozone schneller zur Normalität zurückkehrt. Wenn das geschafft ist, werden auch die Zinsen wieder steigen. Ironischerweise wären dann die Sparer die größten Gewinner von Draghis Schachzug.

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  • Es ist einfach nur unerträglich...

  • Die Pläne von Bazooka und dicker Berta von Draghi dienen ja dem einzigen Ziel und die Botschaft ist klar: Die „strengen Haushaltsregeln“- das heisst aufmachen der Schleusen für weitere Schuldenzuwächse – sollen gelockert werden, damit Geld frei wird für dringend benötigte Wachstumsimpulse, und zwar nicht nur in Frankreich, wo gerade die Schlüsselindustrie zusammenbricht und Südeuropa, sondern auch in Nordeuropa, weil bisher weder das Securities Markets Programme (SMP) von 2009 noch die Folgeprogramme ESFS, ESM und „Outright Monetary Transactions“ (OMT)-Programm der EZB, über die bereits Milliarden oder vielleicht sogar Billionen – wieviel weiß vielleicht nicht mal der EU-Politiker Draghi selbst – in den Sand gesetzt worden sind. Die Pferde können zwar zur Tränke geführt werden, aber saufen müssen sie selbst, sagt Keynes; das ist nicht nur das Problem von Draghi, sondern seit dessen Einsetzung als Übervater von Kommission, Ministerrat und Parlament auch das Problem Europas, und zwar vor allem seiner Menschen. Denn das Volk büßt immer, was die Könige tun, sagt Horaz. Und gerade die Deutschen wissen ja aus eigener leidvoller Geschichte, wohin das führt; zum Beispiel durch Studium des Programms „Mofa (Metall-Forschungs-GmbH)-Wechsel“ und seiner Folgen des ehemaligen Reichsbank-Diktators Hjalmar Schacht: eine Erholung der Wirtschaft durch Rüstung zu erweitern und durch extensive Schuldausweitung die bestehende Sozialordnung in einer diktatorischen Weise zu zerstören oder zu Gunsten neokapitalistischer Dynastien umzugestalten: Auf diesem Wege ist ja Europa schon seit 2000 (siehe – ILO-Bericht) Dies ist die Alternativlosigkeit, die Marionette Merkel immer so fest betont; und da soll mir einer sagen, Geschichte wiederholt sich nicht: In seinen negativen Merkmalen immer!!! Und immer sind auch die Menschen dabei und stimmen mit zu, damals dem Hitler und heute Mutti Mainstream von der CDU/CSU.

  • Ich verstehe absolut nicht warum alle Schreiberlinge vom Chefredakteur bis zum Praktikanten das Offensichtliche nicht wahr haben wollen oder auch noch mit gänzlich Falschen Aspekten hier aufwarten....?

    Entweder habt ihr alle auf Pump Aktien ohne Ende gekauft oder was ist hier nur mit euch los?

  • "Auf jeden Fall eine voraussehbare Währungsreform: Die Politik hat schon längst die Flinte ins Korn geworfen "

    Es wird so schnell keine Währungsreform geben... Was die Politik anbelangt: In manchen Euroländern hofft man immer noch, dass sie die Situation mit aussitzen lösen können. Das ironische daran ist, dass die EZB mit und Politik hier mit vertauschten Rollen agieren: Draghi hätte lieber mal nichts tun sollen, während die französische und italienische Politik etwas mehr Aktion an den Tag legen könnte.

  • Wir haben momentan vor allem durch die gefallen Rohstoffpreise eine niedrige Gesamtinflationsrate.

    Die Kerninflationsrate welche die Energiepreisveränderungen nicht beinhaltet ist zur Zeit höher als die Gesamtinflationsrate.

    Die niedrige Inflation ist aber auch Ausdruck des geringen Wirtschafswachstums - vor allem in Südeuropa. Wer keinen Job hat oder seit Jahren keine Gehaltserhöhung durchsetzen konnte der kann einfach nicht mehr konsumieren und investieren.

    Viele Arbeitnehmer und Kleinverdiener (vor allem aus Südeuropa) sind daher mit einer niedrigen Inflationsrate besser dran als mit einer hohen Inflationsrate denn sie haben so mehr Kaufkraft und können mehr konsumieren, wenn die Preise nicht so stark steigen.

    Wenn die Energiepreise fallen ist dies sogar förderlich für den Konsum, denn dann bleibt mehr Geld übrig um sich andere Dinge zu kaufen.

    Das ganze Gerede von der angeblichen Deflationsgefahr und der bedrohlichen Deflationsspirale ist in meinen Augen ein theoretisches Hirngespinst und reine Panikmache. Es soll für die heute beschlossene weitere Lockerung der Geldpolitik als Rechtfertigung herhalten.

    Es ist zwar Richtig das die EZB ein Inflationsziel von 2% hat und dies in beide Richtungen gilt. ABER: ich bezweifle sehr, daß die EZB bei einem Überschreiten des Inflationsziels so schnell mit Zinserhöhungen reagieren würde. Wenn wir erstmal eine Inflation von 3,5% haben werden wir ja sehen was die EZB dazu sagen wird und ob sie handeln wird. Ich kann mir gut vorstellen das dann behauptet wird dies sei nur temporär und würde sich bald wieder normalisieren. Bestenfalls gibts dann eine Zinserhöhung von 0,25%.

    Die heute beschlossene Maßnahme wird kaum dabei helfen die gewünschten Ziele zu erreichen. Die EZB hat aber leider mit dieser Handlung ihre Glaubwürdigkeit weiter in Frage gestellt und bewegt sich auf immer dünnerem Eis. Und das ist nur der Anfang: bleibt die Inflation niedrig gibt es sicher bald ein groß angelegtes Anleihekaufprogramm.

  • Das ist der Fluch der bösen Tat, daß sie, fortzeugend, Böses muß gebären. Die böse Tat ist der Kuhhandel zwischen Mitterrand und Kohl am Ende der achtziger Jahre: Gibst du mir die Währungsunion, stimme ich deiner deutschen Einheit zu. Die Währungsunion, ein zwangsweiser Zusammenschluss Europas zu einem Leviathan, der die alte Idee des Nationalismus durch eine neue, demokratische Identität ersetzen sollte. Und was ist daraus geworden? Nachdem die ganze Sache immer schiefer läuft, ob nun Deflation oder Inflation: Auf jeden Fall eine voraussehbare Währungsreform: Die Politik hat schon längst die Flinte ins Korn geworfen und die Angelegenheit der von Rockefeller ins Leben gerufenen Group of Thirty" - G 30 - übergeben und deren Repräsentant Draghi wirkt schon emsig. Die wirtschaftliche und finanzielle Entwicklung seit 2000 zeigt schon allzu deutlich: Die Gewinner werden nicht die Menschen in Europa sein, sondern der internationale neoliberale Kapitalismus, der sich angesichts der öffentlichen Schuldenstände bald wieder in einen Imperialismus wandeln muß, um nötigen Dampf abzulassen.

  • "Diese Gründe sollten einen Redakteur allerdings nicht dazu verleiten die Unabhängigkeit zu verlassen. Mit der Behauptung dass Negativzinsen für Sparer gut sind, ist dies geschehen"

    Das hat er so doch nicht gemeint. Er sagte, im Ergebnis helfen kurzfristig negative Zinsen, mittelfristig wieder zu höheren Zinsen zu kommen. Allerdings wäre diese Aussage dann richtig, wenn diese Medizin tatsächlich den intendierten Effekt hätten und die Nebenwirkungen nicht noch andere sehr unerwünschte Folgen und unkalkulierbare Risiken hätten und eine alternative Methode wie "Aussitzen" die gleichen Erfolgschancen böten...

  • Leider versteht der Autor den Zusammenhang zwischen Inflation und Realwirtschaft nicht und kommt mit seiner -vorsichtig gesprochen- reduzierten Sicht der Dinge zu falschen Schlüssen.

    Geld ist nichts anderes als "abstraktes Gut" - ein Besitz-/Nutzungsanspruch auf gegenwärtige oder zukünftige Güter. Inflation und Deflation entstehen durch ein Missverhältnis der Menge dieses abstrakten zur gegenwärtigen oder zukünftig realistisch erwartbaren Gütermenge. Einmal gibt es zuviel Geld und im Falle der Deflation zu wenig bezogen auf die Realgütermenge.

    Dass die von den Statistik-Bürokraten mit ihrer Brotpreisfixierung einerseits geschönten & propagandistisch zur Schau gestellten offiziellen Brotpreis-Inflationszahlen die steigenden Immo-Preise in Deutschland oder die real-existierenden Blasen (inflare = aufblasen) an den Asset- oder bei Staatsanleihen (bzw. anderen Kreditmärkten) ignorieren, erwähnt der Autor mit keinem Wort. Wozu diese Ignoranz/Leugnung gegenüber der massiven Inflation führt, hat man beim Platzen der griechischen Staatsschuldenblase/Infaltion gesehen: Milliarden, nur mühsam verschleierte Kosten für unbeteiligte Bürger, völlig falsche, Kapitalfehlallokation verursachende, Anreize für die Wirtschaft und auf der Suche nach dem Dieb im Ergebnis ein Aufeinanderhetzen der europäischen Völker.

    Und ob ich nun über klassische Brotpreisinflation oder über das betrügerische Inhaftungnehmen für inflationäre Fremdrisiken enteignet werde, ist mir als Bürger aber schnuppe. So hat der Autor selbst noch sehr viel Potential für echtes Wachstum an seiner journallistischen Aufgabe, um auch in der Wirtschaft echtes Wachstum von Wohlstand und Kapitalstock, welche niemals herbeigedruckt werden können, von Strohfeuern aus ungedecktem Konsum unterscheiden zu lernen.

  • Eine Inflation dient Schuldnern und aktuell besonders hoch verschuldeten Staaten und keinesfalls den Sparern. Eine die Habenzinsen übersteigende Inflation plus Steuer enteignet grundsätzlich und vermindert das Guthaben und Altersversorgung abseits von Risikokapital. Jede andere Behauptung entspricht absolut nicht den Tatsachen.

    Die Verantwortung für die aktuelle Situation haben verantwortungslose Politiker die sich selbst über regelmäßige Diätenanpassungen schadlos halten.

    Der Verfasser des obigen Artikels ist noch jung und ein Niedrigzins ist bei einem evtl. zu gründenden Hausstand bzw. einer anstehenden Hypothekenaufnahme dienlich.
    Ferner wünschen sich unsere Politiker eine solche positive Aussage, es kann also der Karriere nicht schaden wenn man sich nicht gegen den Zeitgeist stellt.

    Diese Gründe sollten einen Redakteur allerdings nicht dazu verleiten die Unabhängigkeit zu verlassen. Mit der Behauptung dass Negativzinsen für Sparer gut sind, ist dies geschehen.

  • "Wer über niedrige Leitzinsen rumheult hat das System nicht verstanden. Leverage-Effekt nutzen."

    Ein anderes Problem besteht doch darin, dass hier nicht mehr ökonomisch sinnvoll und effizient investiert wird, sondern selbst hoch riskante Unternehmungen/Investitionen noch mit billigstem Fremdkapital finanziert werden - das kann nur schief gegen. Die EZB kommt aus der Geschichte jetzt nicht mehr einfach ohne echte Katastrophe raus.

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