Kommentar zur SPD Mitleid mit Martin Schulz ist fehl am Platz

Der Verzicht von Martin Schulz aufs Außenamt macht ein Ja im SPD-Mitgliedervotum wahrscheinlich. Der Schaden seines spät gestoppten Ego-Trips ist dennoch immens.
3 Kommentare
Der SPD-Politiker verzichtet auf das Amt des Außenministers. Quelle: dpa
Martin Schulz

Der SPD-Politiker verzichtet auf das Amt des Außenministers.

(Foto: dpa)

BerlinPolitiker sind skrupellos. Für ihren persönlichen Aufstieg sind sie zu jeder Schandtat bereit. Konkurrenten, die im Wege stehen, werden rücksichtslos beiseite geräumt. So geht ein gängiges Vorurteil. Die Geschichte vom Fall des Martin Schulz geht genau anders herum: Sein Absturz ist auch deshalb so beispiellos, weil die SPD zu lange zögerte, ihn zu stürzen.

Am 24. Januar 2017 wurde Martin Schulz von Sigmar Gabriel zum SPD-Kanzlerkandidaten und neuen Parteivorsitzenden gekürt. Am 9. Februar 2018 ist Schulz’ bundespolitische Karriere schon wieder vorüber. Und damit war sie, so hart es auch klingt, noch immer 138 Tage zu lang.

Vor 138 Tagen endete die Wahlkampf-Achterbahnfahrt des Martin Schulz in einem Wahldebakel für die SPD. Nach dem Hype zu Beginn 2017 landete die SPD unter seiner Führung bei der Wahl am 24. September auf dem historischen Tief von 20,5 Prozent. An diesem Tag war der einzig logische Schritt der Rücktritt. Schulz wäre als Wahlverlierer abgetreten, ja, aber unter Wahrung seiner Würde, er hatte anständig gekämpft. Doch er wollte unbedingt bleiben und rettete sich mit der Ansage, die SPD in die Opposition zu führen.

„Ab heute sollten die Personaldebatten eingestellt werden“

„Ab heute sollten die Personaldebatten eingestellt werden“

Doch schnell entpuppte sich: Nicht nur die Kanzlerkandidatur, auch der Parteivorsitz war eine Nummer zu groß für Schulz. Bestes Beispiel dafür war seine Entscheidung nach dem Platzen der Jamaika-Sondierungen. Per Vorstandsbeschluss schloss Schulz für die SPD eine neue große Koalition abermals aus. Eine absurde Entscheidung, die nur davon getoppt wurde, dass die SPD-Spitze den Unsinn auch noch mittrug. Statt die Reißleine zu ziehen, sah sie dabei zu, wie Schulz fortan ein Versprechen nach dem anderen brach und so die gesamte SPD in Bedrängnis brachte.

Schulz hatte eine große Koalition ausgeschlossen? Egal, wenige Tage später verhandelte die SPD trotzdem mit der Union. Schulz hatte auf dem SPD-Parteitag Anfang Dezember versprochen, die SPD zu erneuern? Egal, kurz darauf erklärte er intern, ins Kabinett gehen zu wollen. Am Ende war er sogar bereit, das altehrwürdige Amt des SPD-Vorsitzenden „wie ein dreckiges Hemd wegzuschmeißen“, wie es ein SPD-Politiker formulierte, um es gegen das Außenministerium einzutauschen.

So begründete er am Mittwoch seinen Rückzug vom Parteivorsitz und seinen geplanten Wechsel ins Auswärtige Amt unter anderem damit, einen Generationenwechsel einzuleiten und den Weg für die erste Frau an der Spitze der SPD freimachen zu wollen. Die Aussagen waren eine Ohrfeige ins Gesicht eines jeden SPD-Mitglieds. Nur zwei Monate vorher hatte sich Schulz erst als Parteivorsitzender wiederwählen lassen mit dem Versprechen, die SPD erneuern zu wollen.

Hätte sich Schulz darauf beschränkt, er wäre heute noch SPD-Chef. Hätte er nach den Sondierungen mit der Union erklärt, auf ein Ministeramt zu verzichten, um sich als SPD-Vorsitzender auf die Erneuerung der Partei voranzutreiben, ihm wären die Herzen der Genossen zugeflogen. Doch die Partei war ihm offensichtlich nicht wichtig. Wichtig war das Außenamt.

Mitleid mit Martin Schulz ist deshalb fehl am Platz. Schon Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz wurden ihm ja nicht aufgenötigt, er hat danach gedrängt. Er hielt sich für den Besten. Er war es nicht. Doch anstatt daraus Konsequenzen zu ziehen, wollte er auch noch mit aller Gewalt ins Auswärtige Amt einziehen und nötigte seiner Partei eine Personaldebatte auf, die die Zustimmung zur großen Koalition im Mitgliederentscheid in Gefahr brachte – und damit die gesamte Regierungsbildung in Deutschland.

Die neue SPD-Spitze um Andrea Nahles und Olaf Scholz muss sich vorwerfen lassen, das Treiben nicht früher beendet zu haben. Am Ende geht für die SPD zwar wohl erstmal alles gut aus. Mit Nahles und Scholz hat sie ihre neue Wunsch-Führung, und durch Schulz’ Rückzug ist ein Ja im Mitgliederentscheid wahrscheinlich. Aber in der Öffentlichkeit wird das Bild vom Postengeschacher in der SPD vorerst haften bleiben, die Politikverdrossenheit droht weiter zuzunehmen. Nahles und Scholz hätten das verhindern können – wenn sie nur früher skrupellos gewesen wären.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Kommentar zur SPD - Mitleid mit Martin Schulz ist fehl am Platz

3 Kommentare zu "Kommentar zur SPD: Mitleid mit Martin Schulz ist fehl am Platz"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Ziemlich auf den Punkt getroffen, Herr Greive.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • ...vielleicht braucht Würselen mal wieder einen Bürgermeister.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%