Kommentar
Zur Strecke gebracht

Was wird nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs aus Josef Ackermann? Zwar gilt bis zum Ende des zweiten Mannesmann-Prozesses auch für den Vorstandssprecher der Deutschen Bank die Unschuldsvermutung unvermindert weiter. Trotzdem bleibt Ackermann keine andere Wahl, als von seinem Amt zurückzutreten.

Noch vor der BGH-Entscheidung, das Verfahren völlig neu aufzurollen, versetzte ihm sein eigener Aufsichtsratschef gestern öffentlich den Todesstoß. Rolf Breuer wählte ausgerechnet die britische „Financial Times“, um die Suche nach einem Nachfolger für Ackermann anzukündigen. So bereitet man „die Märkte vor“, wie die Investmentbanker gern sagen. Welch eine Ironie der Geschichte: In der Stunde seiner bittersten persönlichen Niederlage erlebt Ackermann am eigenen Leib einen weiteren Sieg kühler angelsächsischer Kapitalmarktlogik über gute deutsche Banktradition. Den Sieg einer Kultur, die er selbst in der Deutschen Bank verbreitet hat.

Seit seinem Amtsantritt im Jahre 2002 hat der Vorstandschef seine Bank mit einem konsequenten Kurs der Internationalisierung und Renditeorientierung weit voran gebracht. Ackermann hat seine Ziele erreicht und die Erwartungen der Kapitalmärkte am Ende alle erfüllt. In den letzten Jahren haben sich die Gewinne der Deutschen Bank versechsfacht. Nur deshalb kann sie als einzige deutsche Großbank heute noch im weltweiten Wettbewerb ganz vorn mitspielen. In vieler Hinsicht war der Schweizer erfolgreicher als fast alle seine deutschen Vorgänger.

Doch in der deutschen Neid- und Nörgelgesellschaft, der ökonomisches Denken und Kapitalmarktlogik nach wie vor fremd bleiben, stieß Ackermann von vornherein auf Unverständnis. Mitsamt seinen PR-Beratern erwies sich Ackermann allerdings umgekehrt auch über weite Strecken als unfähig, seine Handlungen vernünftig zu erklären. Das gilt auch für die Prämien nach der Mannesmann-Übernahme: Was der Banker für normale internationale Praxis hielt, empfand die Mehrheit des deutschen Publikums als Affront. Dieser Grundwiderspruch zeigte sich bei fast allen Kommunikationsdesastern, die Deutschlands größtes Kreditinstitut in den letzten Jahren anrichtete.

Bringt Deutschland also am Ende einen Banker zur Strecke, der nur internationaler war als alle anderen? Ackermann selbst sieht das möglicherweise so.

Deutschland, das wichtigste Standbein seiner Bank, ist ihm in mehr als einer Hinsicht zum Bleigewicht geworden. Trotzdem darf man keinen Gegensatz zwischen deutscher Verankerung und internationaler Rolle konstruieren. Die Deutsche Bank muss es schaffen, international erfolgreich zu sein und sich zugleich wieder ihren deutschen Kunden zuzuwenden.

Wann immer Ackermann offiziell abtritt und wer immer ihm auch nachfolgen mag: Der nächste Vorstandssprecher der Deutschen Bank sollte sich das Ziel setzen, sie wieder zu der „Ausnahmebank“ (Hermann Josef Abs) zu machen, die sie einst für alle Deutschen war. Unsere ganze Wirtschaft sollte daran interessiert sein.

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