Kommentar
Zwei auf einen Streich

Das war ein echter Coup, den Commerzbank-Chef Klaus- Peter Müller gelandet hat. Müller hat einmal mehr bewiesen, dass er seinem Ruf als einer der besten Banker Deutschlands gerecht wird.

Das war ein echter Coup, den Commerzbank-Chef Klaus- Peter Müller gestern gelandet hat. Aus buchstäblich heiterem Himmel zeitgleich eine Milliardenabschreibung und eine fette Kapitalerhöhung erfolgreich über die Bühne zu bringen erfordert nicht nur Glück, sondern auch eine außergewöhnliche Portion unternehmerischen Muts und strategische Weitsicht. Müller hat einmal mehr bewiesen, dass er seinem Ruf als einer der besten Banker Deutschlands gerecht wird.

Allerdings macht die Aktion „Zwei auf einen Streich“ auch in krasser Weise deutlich, wie es im Leichenkeller der Commerzbank und womöglich auch bei anderen Unternehmen aussah oder immer noch aussieht. Das Volumen der Bilanzsäuberung und damit des aufgestauten Korrekturbedarfs ist gigantisch. Vor zwölf Monaten, als Politik und Wirtschaft höllische Angst vor einer Bankenkrise hatten, hätte der extrem nervöse Kapitalmarkt nicht so gnädig reagiert wie gestern. Nur der unerwartet kräftigen Erholung der Aktienbörsen ist es zu verdanken, dass Müller diesen Befreiungsschlag so glatt durchziehen konnte.

Die Frage, warum dies ausgerechnet jetzt passiert, hat Müller gestern nicht erschöpfend beantwortet. Der bloße Verweis auf die Gunst der Stunde, also die in der Tat erstaunlich gute Aktienkursentwicklung, kann nicht die ganze Erklärung sein. Es drängt sich daher der Verdacht auf, dass Müller es eilig hat, alle Altlasten zu beseitigen, um mit seiner Bank auf dem Fusionskarussell der europäischen Finanzindustrie möglichst rasch eine selbstbewusste und aktive Rolle spielen zu können. Er stärkt seine Position für Verhandlungen mit in- und ausländischen Bewerbern, die hinter den Kulissen bereits angelaufen sein sollen. Gerüchte hin oder her – die Fusionsphantasie der Börsianer dürfte gestern mit dafür gesorgt haben, dass der Commerzbank-Kurs nicht größere Verluste erleiden musste.

Mit dem Doppelschlag der Commerzbank scheint die neue Konzentrationswelle der deutschen und vielleicht auch europäischen Kreditwirtschaft aus der Spekulations- in die konkrete Umsetzungsphase zu kommen. Die Altlasten zu beseitigen ist nur der erste Schritt. Der zweite dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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