Kommentar
Zweite Generation bei Facebook

Nach dem rasanten Fall der Facebook-Aktie hat sie plötzlich 30 Prozent zugelegt: Eine zweite Zeitrechnung hat begonnen. Anleger spekulieren nun auf das ungehobene Potenzial.
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Gut 30 Prozent hat die Facebook-Aktie in den zwei ersten Wochen nach dem Börsengang im Mai verloren. Doch so rasant wie die Aktie gefallen ist, stieg sie anschließend. 30 Prozent Kurszuwachs in nur zwei Wochen deuten an, dass für Facebook offenbar eine neue, zweite Zeitrechnung begonnen hat.

Zweifellos, Facebook hat vieles falsch gemacht. Erst platzierten die Banken zu viele Aktien, dann überschätzten sie die Nachfrage, und schließlich kam auch noch Pech hinzu, weil die Technologiebörse Nasdaq ihrem Anspruch, die Technik des Handels zu beherrschen, nicht gerecht wurde. Erst einmal in Fahrt gekommen, verstärkte sich die Talfahrt. Wer Aktien zugeteilt bekam, verkaufte sie wieder. Einfach deshalb, weil das erhoffte Schneeballprinzip ausblieb. Die Erwartung, dass in den ersten Tagen genügend neue Anleger Kaufinteresse hätten, so wie es in einem Hype um ein Unternehmen schon oft genug der Fall war, erfüllte sich nicht.

Doch in dem Maße, wie diese Erstinvestoren entnervt verkauften, stiegen neue Anleger ein. Diese zweite Generation spekuliert weniger auf den Nachahmereffekt anderer Anleger, sondern auf Facebook, sein Geschäftsmodell und ungehobenes Potenzial. Auch die Einigung im Patentstreit mit Yahoo könnte positiv wirken.

Facebook könnte zudem auf die Idee kommen, seine Seiten im Netz professioneller als bislang mit Werbebannern zu tapezieren. Niemand kennt schließlich seine Nutzer so gut wie der Kontaktnetz-Spezialist. Wertet das Unternehmen diese Daten geschickt aus, eröffnet dies viel Werbepotenzial. Wenn es dann noch gelingt, die Werbung dezent am Bildschirmrand zu platzieren, so wie Google dies erfolgreich und mit Milliardengewinnen praktiziert, kann auch der Kurs steigen.

Die Schubkraft würde sich noch erhöhen, wenn Firmengründer Marc Zuckerberg auf die Idee käme, potenzielle Investoren ernster als bisher zu nehmen. Das heißt, ihnen Perspektiven aufzuzeigen, wie der schlafende Riese - Facebook ist Weltmarktführer - erwachen könnte. Dazu bedarf es Visionen.

Niemand weiß, ob Zuckerberg dazu bereit ist oder ob für ihn die Story schon vorbei ist und er jetzt einfach sein Leben genießen will. Doch gerade diese Ungewissheit darüber ist das Potenzial für die Aktie. Je weniger davon gehoben ist, desto größer ist die Chance - und das Risiko - an der Börse.

Unternehmen aus anderen Branchen haben es erfolgreich vorgemacht. Volkswagen und Linde lieferten jahrelang viel Masse und Umsatz, aber wenig Gewinn und Margen. Die Aktienkurse dümpelten vor sich hin. Dann kamen Martin Winterkorn und Wolfgang Reitzle. Sie trimmten ihre Konzerne auf Effektivität. Die Aktien entwickelten sich fortan besser als die ihrer Konkurrenz. Nicht, weil die Unternehmen erfolgreicher waren, sondern weil das Potenzial und der Nachholbedarf größer als bei den bereits erfolgreichen Wettbewerbern waren.

Das heißt: Wer bislang vieles falsch machte, hat viel Potenzial. Erst recht mit einer starken Marke und einem hohen Bekanntheitsgrad im Rücken. Darauf spekuliert die zweite Anleger-Generation bei Facebook.

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  • Seien wir doch mal ehrlich; ein Geschäftsmodell das reinweg auf der Masche "Datenerhebung und damit verbundene Werbung" zu bestehen scheint; wie soll das dauerhaft finanziell erfolgreich auf diesem Niveau funktionieren? Zumal der Begriff "wirklich erfolgreiche Werbung" ohnehin eine Definition für sich ist; für mich nicht wirklich meßbar. Aber so etwas würde die Werbewirtschaft natürlich niemals zugeben; und ... sagte die Werbung schon einmal die Wahrheit, oder die Banken? Guten Morgen.

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