Konjunktur
Börsen im Wechselbad

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Wie ein Flächenbrand erfasst die Immobilien- und Finanzkrise – reichlich spät – auch die Börsen. Doch was hat sich eigentlich gegenüber dem Jahresbeginn geändert, als der Dax trotz Milliardenabschreibungen und Rezessionsängsten an seinem Allzeithoch bei über 8000 Punkten kratzte?

Nicht viel. Auch vor knapp drei Wochen befassten sich Ökonomen, Analysten und Investoren mit der Krise. Jetzt präsentieren Amerikas Großbanken Citigroup und JP Morgan erwartungsgemäß tiefrote Zahlen, enttäuscht der weltgrößte Chiphersteller Intel mit einem 50-prozentigen Gewinnanstieg die viel zu ambitionierten Erwartungen, und plötzlich ist alles schlecht, was gestern gut war.

Die Wahrheit und damit der für die Börse „faire Wert“ liegen irgendwo zwischen Tristesse und heiler Welt. Einerseits blendeten Anleger viel zu lange die gefährliche Kettenreaktion der Immobilienkrise aus. Im Wissen, dass die Unternehmen so gut wie noch nie verdienen und ihre Bilanzen, gemessen an Verschuldung, Liquidität und Umsatzrendite, so gesund wie selten sind, unterschätzten sie, wie vergänglich solch beeindruckende Kennzahlen sind. Schneller als gedacht erfassen fallende Häuserpreise und Schieflagen bei Banken die Realwirtschaft. Folge sind mehr Arbeitslose und weniger Produktion, nachlassende Investitionen, verhaltener Konsum und sinkende Firmengewinne.

Im ersten Anflug von Panik vergessen Anleger aber jetzt, dass die Unternehmen und ihre Aktien durchaus vorbereitet in einen Konjunkturabschwung gehen. Die Konzerne haben die vergangenen Jahre genutzt, um ihre Produktion zu modernisieren und Strukturen zu verschlanken. Indem sie weltweit den boomenden Märkten folgten, schufen sie Nähe zu ihren Kunden und senkten die Kosten. Das hilft in schlechten Zeiten, wenn das Angebot auf weniger Nachfrage stößt und der Wettbewerb zunimmt.

Diese Ausgangslage spiegelt sich in den Kursen der Firmenanteilsscheine wider. Angenommen, deutsche Großkonzerne verdienen 2008 im Mittel ein Drittel weniger als im Vorjahr, was derzeit niemand befürchtet, dann wäre der Dax auf aktuellem Niveau immer noch „fair“ bewertet. Denn Aktien würden, gemessen an den stark gesunkenen Konzerngewinnen, so bezahlt wie im Durchschnitt der letzten 50 Jahre.

Deshalb droht jetzt kein Ausverkauf wie 2001/02. Damals waren Aktien am Vorabend der Rezession viel zu teuer. Hinzu kommt, dass milliardenschwere Staatsfonds aus Fernost und reichen Ölländern auf Turbulenzen wie jetzt geradezu warten. Singapur, Abu Dhabi & Co. werden nicht zögern, nach Citigroup, UBS, Merrill Lynch und Morgan Stanley weiteren Großbanken aus der Patsche zu helfen – und die Talfahrt der gebeutelten Aktien abfedern. Denn so streuen sie ihr Kapital und legen es langfristig gewinnbringend an.

Berechtigte Szenarien, wonach die größte Volkswirtschaft USA die Weltwirtschaft mit nach unten ziehen könnte, dürften die Börsen in den nächsten Monaten zwar kaum beflügeln. Insofern war der Höhenrausch zum Jahreswechsel ein klassisches Fehlsignal. Robuste Firmenbilanzen und angemessen bewertete Aktien sind aber gute Voraussetzungen für widerstandsfähige Börsen. Schließlich ist der Marsch in die Rezession noch keineswegs ausgemacht.

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