Konjunktur
Die Spirale erfasst alle

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Die Immobilienkrise erschüttert die Finanzmärkte. Sie beschert der Börse Tagesverluste, wie es zuletzt die Turbulenzen nach dem 11. September 2001 vermochten. Der Strudel erfasst nun auch die Konjunktur. Ansteckungsgefahr birgt nicht nur die schlechtere Stimmung. Wirtschaft besteht bekanntlich zu mindestens 50 Prozent aus Psychologie. Auch real leiden Verbraucher und Unternehmen schon jetzt unter den Folgen knapper werdenden Geldes.

Immer schneller droht die Stimmung zu kippen. Weil sich Banken und Hedge-Fonds mit Immobilienkrediten minderer Qualität verspekulieren und Investoren den Beteiligungsgesellschaften den Geldhahn zudrehen, geraten die Finanzmärkte in Aufruhr. Die Aktienkurse brechen ein. Die übliche Folge: Frühindikatoren wie das amerikanische Verbrauchervertrauen und der deutsche ZEW-Index dürften sich schon bald eintrüben. Die Stimmung verschlechtert sich, weil Konsumenten und Anleger die Zukunft weniger gut als die Gegenwart einschätzen.

Niemand sollte darauf bauen, dass die robuste Weltwirtschaft, die in diesem Jahr das vierte Mal in Folge mit gut fünf Prozent wächst, gegen solche Attacken immun ist. Denn Erwartungen schlagen sich sofort in Investitionen und Konsum nieder. Nicht der Einzelne besitzt prophetische Gaben, sondern die Masse und ihr Mittelwert. Darin liegt die bestechende Stärke von Stimmungsindikatoren.

Hinzu kommt, dass die Immobilienkrise bereits jetzt reale Veränderungen hervorruft. Erstens: Das bisherige amerikanische Muster, immer noch ein wenig mehr auszugeben und auf Pump zu leben, weil das Eigenheim mehr wert geworden ist und deshalb neue Kredite leicht zu bekommen sind, funktioniert nicht mehr. Stattdessen fallen die Häuserpreise und steigen die Zinsen. Gleich zwei Fronten schwächen also den Verbraucher. Weil er zwei Drittel zur amerikanischen Wirtschaft beiträgt, steht und fällt diese sehr stark mit seiner Kauflaune.

Zweitens: Die Unternehmen verkaufen und investieren weniger. Einerseits, weil viele Verbraucher weniger ausgeben. Konjunktursensible amerikanische Konsumgüterfirmen verzeichneten bereits im zweiten Quartal Gewinneinbrüche von durchschnittlich 13 Prozent. Andererseits, weil sich die Fremdfinanzierungskosten aufgrund steigender Zinsen und Risikoaufschläge für Firmenanleihen erhöhen. Teurere Bankkredite und strengere Vergabekonditionen schlagen deshalb so sehr ins Kontor, weil sich unser gegenwärtiger Aufschwung sehr stark durch fremdfinanzierte Investitionen auszeichnet. Das macht die Konzerne so abhängig von Krediten, die sie jahrelang sehr preiswert und einfach bekamen.

All das schwächt die Konjunktur in den USA, aber auch in wirtschaftlich eng mit ihr verbundenen Staaten. Wirklich spannend, weil bislang ohne Vergleich, bleibt die Frage, inwieweit die nachfragehungrigen und weltwirtschaftlich inzwischen bedeutenden Schwellenländer wie China, Indien und Russland in die Bresche springen können.

Der alte Lehrsatz, wenn Amerika hustet, dann bekommt der Rest der Welt eine Lungenentzündung, gilt zumindest in dieser Schärfe nicht mehr. Gut möglich, dass Europa und Deutschland samt seinen vielen exportorientierten Unternehmen mit einem Schnupfen davonkommen.

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