Konjunktur Gezielt stärken

Die Früchte des Aufschwungs lassen sich nicht großzügig im Abschwung verteilen.
Kommentieren

Zickzackkurse verwirren. Das gilt auch für die deutschen Konjunkturdaten, die dieser Tage veröffentlicht werden. Da ist die hiesige Wirtschaft im ersten Quartal unerwartet kräftig gewachsen, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilen wird. Zeitgleich deuten Indikatoren darauf hin, dass die Konjunktur im laufenden zweiten Quartal nur noch stagnieren dürfte. Was denn nun? Ist der starke Jahresstart ein Ausreißer oder das schleppende Frühjahr?

Beides. Ausschlaggebend für das Auf und Ab im ersten Halbjahr ist vor allem der milde Winter. Er stärkte die Bauindustrie ungewohnt früh im Jahr. Durch diesen Vorzieheffekt wirkt der Bau aber im zweiten Quartal weniger als Wachstumstreiber als sonst um diese Jahreszeit.

Unterm Strich gibt es also einen starken Start ins Jahr und danach geht es geruhsamer weiter. Doch insgesamt wird 2008, so viel ist schon jetzt abzusehen, noch ein ganz ordentliches Jahr. Die Prognosen der Experten gehen bis zu zwei Prozent Wachstum. Das ist viel für deutsche Verhältnisse, aber dennoch sollten diese Voraussagen nicht als Spinnerei von Optimisten abgetan werden.

Weniger das laufende Jahr ist also, saisonale Schwankungen hin oder her, mit Unsicherheit behaftet als vielmehr das kommende. Denn es ist weder absehbar, wie schnell sich die US-Wirtschaft von der Finanzmarktkrise erholen noch wie lange der Höhenflug des Euros anhalten und wie stetig der Ölpreis seine Rekordjagd fortsetzen wird. Diese globalen Rahmenbedingungen der deutschen Konjunktur sind schwer einzuschätzen und kaum zu beeinflussen. Es gibt aber auch Bereiche, wo die Politik, die Unternehmer und sogar die Verbraucher entscheidend mitmischen.

Sehr wichtig für die weitere Wirtschaftsentwicklung wäre es, endlich den privaten Konsum anzukurbeln. Er ist, anders als der überaus starke Export, schon seit Jahren der Schwachpunkt der deutschen Volkswirtschaft. Ein weiterer Ansatzpunkt ist, die Investitionsbereitschaft der Unternehmen zu erhöhen.

Die Politik tut allerdings wenig dafür, in diesen Punkten voranzukommen. Im Gegenteil: Sie verärgert Unternehmer wie auch Verbraucher – mit einem rückwärtsgewandten Schlingerkurs. Alles deutet schon jetzt darauf hin, dass ausgerechnet 2009, im Jahr der konjunkturellen Unsicherheit, ein Wahlkampf herrschen wird, der diese Probleme noch vergrößern wird. Denn auch für die Politik gilt: Zickzackkurse verwirren.

Eines haben die Akteure in Berlin derzeit zwar gemeinsam: Sie propagieren, dass der Aufschwung endlich bei den Menschen ankommen soll. Dass Politiker parteiübergreifend ein gemeinsames Ziel haben, ist selten und für sich besehen positiv. Wenn die Wege, mit denen dieses Ziel erreicht werden soll, aber völlig unterschiedlich sind, droht am Ende eine Richtung eingeschlagen zu werden, die völlig in die Irre führt. Und wenn obendrein der Zeitpunkt rein wahltaktisch ausgewählt wird, droht diese Gefahr erst recht.

Im Abschwung lassen sich die Früchte des Aufschwungs nicht verteilen. Der richtige Zeitpunkt wurde verpasst. Das müssen sich auch die Gewerkschaften vorhalten lassen. Wenn Verdi für die insgesamt mehr als 400 000 Mitarbeiter der deutschen Banken um acht Prozent höhere Gehälter durchsetzen will, muss sich die Gewerkschaft schon fragen lassen, ob sie die gegenwärtige wirtschaftliche Entwicklung verfolgt.

Aktionismus hilft keinem der Beteiligten. Was die Politik gemeinsam mit Unternehmen und Gewerkschaften stattdessen tun sollte, wäre eine gezielte Stärkung der einkommensschwachen Schicht. Sie ist es, die von den hohen und immer höheren Lebensmittel- und Rohstoffpreisen besonders betroffen ist. Diese Menschen sind es, die Geld ausgeben, statt es zu sparen. Das kommt direkt auch der Konjunktur zugute.

Richtig ist zwar grundsätzlich, dass auch die finanzkräftigere Mittelschicht mehr ausgeben muss, um den privaten Konsum deutlicher zu stärken. Das Kalkül einiger Politiker, dies mit Steuersenkungen zu schaffen, dürfte allerdings zu kurz gedacht sein. Zumindest, wenn die Wohltaten auf Kosten der Haushaltskonsolidierung finanziert werden sollen. Denn erneut den Abbau der Staatsschulden hintanzustellen dürfte genau dieser Einkommens- (und Wähler-)Schicht übel aufstoßen. Wenn der Staat mehr und mehr pleitegeht, werden sie denken, dann müssen wir noch mehr privat vorsorgen. So kurbelt man den Konsum nicht an.

Eine Politik der Geschenke auf Pump würde daher das gewohnte Ungleichgewicht in Deutschland noch verstärken: Die Inlandsnachfrage bleibt schwach, alles hängt daher am Tropf der Weltwirtschaft. Das darf und kann nicht das Ziel der größten Volkswirtschaft der Euro-Zone sein.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

0 Kommentare zu "Konjunktur: Gezielt stärken"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%