Konjunktur
Konjunktur: Absturz gestoppt – und jetzt?

Zum ersten Mal in diesem Jahr haben wir eine Woche der guten Nachrichten über die deutsche Konjunktur erlebt. In der Industrie sind im Mai Auftragseingänge, Produktion und Umsätze wieder gewachsen. Ist die Rezession also vorbei? Beginnt jetzt der Aufschwung? Die realistische Antwortet lautet wohl weiterhin: Die Zukunft ist schwer einschätzbar.

Anders als die Stimmungsindikatoren über das Geschäftsklima, die sich auch zuvor schon deutlich verbessert hatten, sind dies harte Fakten über das reale Geschäft. Mehr Kunden bestellen und bezahlen wieder echte Ware.

Verweilen wir doch noch ein wenig bei den guten Nachrichten, es ist ja so lange her: Daimler und BMW, die nicht von der Abwrackprämie profitieren, verkaufen wieder mehr Autos. Die Chemieindustrie sieht die Talsohle erreicht und findet mehr Abnehmer für Kunststoffe. Der Internationale Währungsfonds rechnet nächstes Jahr mit einem etwas stärkeren weltweiten Wirtschaftswachstum. IWF und chinesische Wirtschaftsforscher korrigieren die Prognosen für das chinesische Wachstum nach oben. In den USA ist schon länger die Rede von "grünen Trieben" der Hoffnung.

Sogar die deutschen Konjunkturprogramme nehmen nach schleppendem Start jetzt Fahrt auf: Die geplanten Kommunalinvestitionen werden zur Hälfte noch in diesem Jahr getätigt, melden die Ministerpräsidenten. Kaum jemand hätte dies Ländern und Kommunen zugetraut.

Ist die Rezession also vorbei? Beginnt jetzt der Aufschwung? Bleibt Deutschland das Tal der Tränen mit hoher Arbeitslosigkeit erspart? Die realistische Antwortet lautet wohl weiterhin: Die Zukunft ist schwer einschätzbar.

Der große Absturz beim Wirtschaftswachstum scheint immerhin fürs Erste gestoppt. Im Sommer geht es vielleicht sogar wieder ein wenig aufwärts. Nur: Die Gipfellagen früherer Boomphasen sind noch lange nicht in Sicht. Das schöne Wort "Aufschwung" kommt noch kaum einem Konjunkturexperten bei der aktuellen Lagebeschreibung über die Lippen. Je nachdem, ob der betreffende Experte die Finanzkrise eher als Tsunami oder als großes Erdbeben erlebt hat, redet er von der zweiten Welle oder heftigen Nachbeben.

Als Folge des Wachstumseinbruchs jedenfalls steigt die Zahl der Insolvenzen, und etliche Unternehmenskredite dürften im Herbst notleidend werden. Wie stark diese Ausfälle erneut das gerade eben erst mit Staatshilfen gestützte Bankensystem treffen, wird entscheidend sein für den weiteren Krisenverlauf. Erst in der zweiten Jahreshälfte wird sich zeigen, ob die staatlichen Bankenrettungsprogramme wirklich ausreichen oder ob sich die Bundesregierung - wer auch immer sie im Oktober/November stellen wird - nicht doch noch zu direkten Verstaatlichungen von Banken wird durchringen müssen.

Zu den möglichen Gefahren, die zur Ouvertüre für einen zweiten Akt in der Finanzkrise werden könnten, zählt die in Osteuropa wohl noch länger andauernde Krise. Sie könnte auf das Weltfinanzsystem ausstrahlen. Nicht völlig auszuschließen sind Staatsbankrotte. Und vielleicht haben alle Experten in dieser Krise wieder einmal einen wichtigen Gefahrenherd übersehen. So viel zum Worst-Case-Szenario.

Aber wir sind ja in der Woche mit den guten Nachrichten. Niemand kann von vornherein ausschließen, dass sich die Erholung fortsetzt, dass die "grünen Triebe" sich entwickeln, und dass in Deutschland die drei harten Industrieindikatoren Auftragseingänge, Produktion und Umsatz auch im Juni und Juli auf Wachstum stehen. Vielleicht war ja die Nachfrage der Industrie nach Investitionsgütern doch nicht nur vor allem ein Effekt der auslaufenden Abwrackprämie - siehe Daimler und BMW.

Selbst im günstigsten anzunehmenden Fall werden die Härten der tiefen Rezession hierzulande spürbar bleiben. Weil die Erholung kaum so rasant verlaufen wird wie der Absturz, wird die deutsche Industrie in ihren Schlüsselbranchen nicht umhin können, Fabriken zu verkleinern oder gar zu schließen und Arbeitsplätze abbauen zu müssen. Wie stark dies geschehen wird, hängt davon ab, wie schnell wichtige Exportmärkte wie die USA oder China sich erholen werden. Ein wenig Anlass zur Hoffnung immerhin gibt hier die neue Prognose des IWF.

Bei steigender Arbeitslosigkeit wird zwangsläufig die bisher erstaunlich robuste Binnenkonjunktur schwächeln. Dann trifft die nächste Entlassungswelle auf dem Jobmarkt auch die wenig von der Krise getroffenen Branchen, etwa den Einzelhandel. Abgemildert wird der Effekt allenfalls durch die Konjunkturprogramme: Sie kommen - anders als von vielen Experten in den USA kritisiert - nicht zu spät, und auch dies ist ein Hoffnungsschimmer. Wenn das staatliche Investitionsgeld im Herbst fließt, sichert das zur exakt richtigen Zeit Arbeitsplätze. Noch mehr Konjunkturprogramme oder eine weitere Verlängerung der Kurzarbeit würden mit hoher Wahrscheinlichkeit wirkungslos verpuffen.

Für Politiker der Großen Koalition hat dies eine unangenehme Konsequenz: Ausgerechnet in der heißen Wahlkampfphase müssen sie einen gewissen Bedeutungsverlust verkraften. Die Machtfülle, die das Krisenmanagement seit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Kanzlerin Angela Merkel, Finanzminister Peer Steinbrück und Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bescherte, wird sich in Zeiten niedriger Wachstumsraten und überbordender Staatsverschuldung relativieren. Einen Zaubertrank für die Wirtschaft hat niemand. Bescheidenheit werden daher nicht nur die Banker wieder lernen müssen.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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