Konjunktur
Trendbrecher

Balance – dieses französische Wort bezeichnet einen Zustand, in dem sich entgegenwirkende Kräfte im Gleichgewicht befinden.
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Genau das müssen Unternehmer und Tarifparteien erreichen, wenn die deutsche Wirtschaft auch 2008 ein erfolgreiches Jahr verbuchen will: die Balance zwischen ausreichend hohen Lohnsteigerungen, um den privaten Konsum in Gang zu setzen, und hinreichend geringen Lohnerhöhungen, um das Beschäftigungswachstum nicht zu bremsen.

Wie dringend der private Verbrauch zulegen muss, zeigt ein kurzer Blick in die Vergangenheit. Jahrelang stand die hiesige Wirtschaft im Grunde nur auf einem Bein: Der Außenhandel trug in den vergangenen vier Jahren jeweils deutlich mehr zum Wachstum bei als der private Konsum. Das dürfte 2008 anders sein.

Seit 2003 wuchs die Weltwirtschaft mit Raten von vier bis fünf Prozent. Damit dauert der Boom so lange, dass die zyklisch bedingte Verlangsamung des Wachstumstempos nicht länger auf sich warten lassen wird. Und die Finanzmarktkrise in den USA entschleunigt zusätzlich. Darunter könnten die großen europäischen Volkswirtschaften am Ende länger leiden als die amerikanische selbst – weil sie weit weniger flexibel reagieren.

Die vor Kraft strotzenden Schwellenländer halten zwar dagegen. Ein Blick auf die deutsche Exportstruktur zeigt allerdings, wie wenig das den hiesigen Unternehmen helfen dürfte. Mehr als 40 Prozent ihrer Ausfuhren gehen in die europäischen Nachbarländer, rund zehn Prozent in die USA und weitere Anteile in andere reiche Industrienationen. Daher dürfte der Außenhandel in diesem Jahr deutlich weniger zum Wirtschaftswachstum beisteuern als zuletzt.

Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Wenn das Ausland Schwäche zeigt, muss das Inland zulegen. Eine robuste Entwicklung des Arbeitsmarktes und eine moderate Entwicklung der Tariflöhne könnten für ein merkliches Plus der Einkommen in Deutschland sorgen – und müssen es auch.

Warum, das lehren auch in diesem Fall alte Statistiken. In den Boomjahren 2000 und 2001 wuchsen die verfügbaren Einkommen laut Bundesbank jeweils um mehr als drei Prozent. Das machte sich in der Einkaufslaune der Deutschen bemerkbar. Der private Konsum legte damals um mehr als zwei beziehungsweise knapp zwei Prozent zu pro Jahr. Zum Vergleich: 2002, 2005 und auch 2007 war er rückläufig, in den Jahren dazwischen stagnierte er mehr oder minder – mit Ausnahme von 2006, als die anstehende Mehrwertsteuererhöhung für Vorzieheffekte sorgte.

Die gestern vorgelegten Zahlen zeigen: Die Schere zwischen Arbeitnehmerentgelten und Unternehmens- und Vermögenseinkommen klaffte 2007 noch weiter auseinander als in Vorjahren. Drei Prozent, schätzen Ökonomen, dürften die Löhne im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt dieses Jahr wachsen, ohne volkswirtschaftlichen Schaden anzurichten. Also ohne mehr zu steigen, als es die Produktivität der Arbeitskräfte rechtfertigt. Das wäre zwar viel weniger als etwa von Verdi mit acht Prozent für den öffentlichen Dienst gefordert, aber deutlich mehr als in den Vorjahren.

Wie gesagt: Balance heißt das Zauberwort. Denn das verfügbare Einkommen der Deutschen ist nicht gleich der Höhe ihrer Löhne, sondern auch abhängig von der Zahl der Beschäftigten. Es wäre fatal, wenn einzig die Löhne stiegen. Auch die Zahl der Arbeitskräfte muss sich erhöhen. Das tut sie aber gewiss nicht, wenn Arbeit in Deutschland zu teuer ist. Forderungen wie die hohen Ölpreise zu kompensieren, um die Kaufkraft zu steigern, sind ökonomischer Unsinn. Temporäre Veränderungen des Preisniveaus müssen scharf von dauerhaft höheren Inflationsraten getrennt werden.

Wie sehr die Vernunft der Verhandlungsführer gefragt ist, zeigen diverse Stimmungsindikatoren, die ausnahmslos auf ein schwaches erstes Halbjahr hinweisen. Die von Ifo erfragten Geschäftserwartungen haben sich zuletzt siebenmal in Folge verschlechtert, der ZEW-Index siebenmal in acht Monaten. Ihre Dynamik hat die deutsche Wirtschaft aber bereits nach dem Ausnahmejahr 2006 verloren, als die Vorzieheffekte der Mehrwertsteuererhöhung und die boomende Weltkonjunktur für weit überdurchschnittliches Wachstum gesorgt hatten. Es folgte ein Jahr der Belastungen mit der steigenden Mehrwertsteuer und der anziehenden Inflationsrate.

Statistiker können Wachstumsraten um Sondereffekte „bereinigen“ und statistische Überhänge und Effekte von Arbeitstagen herausrechnen. Tut man das für 2006, 2007 und 2008, kommen Wachstumsraten von mehr als zwei Prozent, rund ein Prozent und weniger als ein Prozent heraus. Die Botschaft ist klar: Die Dynamik lässt nach. Diesen Trend kann nur die heimische Nachfrage brechen.

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