Konklave Zweikampf um die Papst-Krone

Bei der Papstwahl steht die katholische Kirche vor einer Richtungsentscheidung. Wie weit kann und muss sie sich verändern, um auch in Zukunft glaubwürdig zu sein? Dafür gibt es ein einfaches Kriterium. Ein Kommentar.
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Mit de Messer im Petersdom beginnt die Papstwahl für den Nachfolger von Papst Benedikt XVI. Quelle: dpa

Mit de Messer im Petersdom beginnt die Papstwahl für den Nachfolger von Papst Benedikt XVI.

(Foto: dpa)

DüsseldorfNicht wenige Beobachter sehen die Papst-Wahl in Rom als Zweikampf zweier aussichtsreicher Kandidaten. Auf der einen Seite Angelo Scola, Erzbischof von Mailand. Er ist ein Zögling des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Professor für Theologische Anthropologie, steht der mitgliederstärksten Diözese der Welt vor, gilt als eher rechts-konservativ und volksnah. Auf der anderen Seite Odilo Scherer, Erzbischof von Saõ Paulo. Der Brasilianer mit deutschen Wurzeln ist konservativ aber weltoffen. Er twittert gerne und nutzt auch schon mal die U-Bahn.

Doch bei der Papst-Wahl gibt es eine Regel, die die Erfahrung lehrt: Wer als aussichtsreicher Kandidat ins Konklave geht, verlässt es nicht als Papst. Das zeigten zuletzt auch die Beispiele Benedikt XVI. und Johannes Paul II., die keiner vor dem Konklave auf dem Zettel hatte.

Florian Kolf
Florian Kolf

Der Autor ist Teamleiter Handel+Konsum im Unternehmensressort des Handelsblatt.

Ein Zweikampf ist das Konklave trotzdem. Aber keiner der Kandidaten, sondern eher ein Wettstreit der Richtungen. Die wichtigste Kernfrage lautet: Wie viel Macht darf oder muss die Zentrale abgeben, um die Unterschiede der Kontinente und Regionen aufzunehmen und abzubilden, ohne dass dabei die Fliehkräfte innerhalb der Organisationen zu groß werden? Odilo Scherer repräsentiert dabei die aufstrebenden Diözesen aus den Schwellenländern, die dank einer wachsenden Zahl von Gläubigen zunehmend Selbstbewusstsein in der Weltkirche entwickeln. Angelo Scola steht als Italiener eher für die Bewahrung des traditionellen Weges und die Macht des Vatikan.

Es ist erstaunlich, dass gerade die katholische Kirche als wohl älteste globale Organisation solche Probleme hat, ihre Rolle in der globalisierten Welt zu finden. Viele Großkonzerne stehen vor ähnlichen Fragen und müssen erkennen, dass ihre alten Erfolgsrezepte angesichts der Vielfalt und auch der kulturellen Unterschiede in den regionalen Märkten nicht mehr funktionieren. Doch wie weit muss sich die katholische Kirche den veränderten Wünschen und Lebensbedingungen der Menschen anpassen, um im wahrsten Sinne des Wortes noch glaubwürdig zu sein? Und muss die Veränderung ihre Grenzen haben, damit der Markenkern nicht beschädigt wird?

Papst Benedikt XVI. hatte darauf eine klare Antwort. Er wollte mit zentraler Führung und Rückbesinnung auf Kernwerte die Kirche wieder eindeutig positionieren. Doch er hat damit nur wenige Gläubige erreicht. Mit seiner Fokussierung auf die Bewahrung ist er letztlich an der Modernisierung der Kirche gescheitert. Wenn der Vatikan aber jetzt nicht den Mut zu Reformen hat, werden sie ihm aufgezwungen. Beispielhaft zeigt das der Kampf um die "Pille danach" im wichtigen Erzbistum Köln. Angesichts massiver Proteste und massenhafter Kirchenaustritte sah sich ausgerechnet der stramm konservative Kardinal Joachim Meisner genötigt, den katholischen Kliniken die Ausgabe dieser Pille unter bestimmten Umständen zu erlauben - was er vorher vehement abgelehnt hatte.

Was in Großkonzernen als Diversifizierung gepriesen wird, diskutiert die katholische Kirche als „Einheit in Vielfalt“. Die eher kritischen und abgeklärten europäischen Katholiken, die stark um das Sozialleben und die Eigenverantwortung bemühten US-Christen oder die frommen und ernsthaften Glaubensbrüder aus Afrika unter einen Hut zu bringen ist nicht einfach. Auch die Rolle der Frau in der katholischen Kirche muss dringend neu definiert werden.

Der entscheidende Punkt ist, dass die katholische Kirche sich nicht hinter dogmatischen Glaubenssätzen verstecken darf, sondern wieder stärker auf die Sorgen und Nöte der Menschen gucken muss. Und dabei können dann je nach Land und Gesellschaft ganz andere Fragen wichtig sein und ganz andere Antworten herauskommen. Angesichts tausender Aids-Toten in Afrika auf dem Verbot von Kondomen zu beharren oder vergewaltigten Frauen in Köln die „Pille danach“ zu verweigern, mag theologisch begründbar sein. Aber erst wenn der Mensch wieder im Mittelpunkt steht, hat auch die katholische Kirche in der globalisierten Welt eine Zukunft. Denn erst dann wird „Einheit in Vielfalt“ wirklich gelebt.

Die Kardinäle im Konklave in der Sixtinischen Kapelle können dafür die entscheidende Weiche stellen. Sie entscheiden, ob der Vatikan die Öffnung zu neuen Lebensentwürfen und kulturellen Unterschieden wirklich wagt – oder ob die katholische Kirche in Traditionen erstarrt.

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6 Kommentare zu "Konklave: Zweikampf um die Papst-Krone"

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  • Natürlich soll und muss der Mensch im Mittelpunkt stehen. Heißt es nicht sinngemäß, dass Gott in uns allen ist und durch uns alle wirkt? Wer will denn eine Religion, die - wie im Artikel gesagt - in Tradition verharrt? Natürlich sind Traditionen wichtig und müssen auch erhalten werden, keine Frage! Aber der Fortschritt, geänderte Lebensweisen, veränderte politische Verhältnisse, starkt gewachsenes Wissen in allen Bereichen usw. müssen ebenfalls berücksichtigt werden. Was soll denn eine Religion, die nur sich als Selbstzweck dient? Dann kann ich auch einer Sekte beitreten.....

  • Der Autor meint,dass die Katholische Kirche erst dann eine Zukunft habe,"wenn der Mensch wieder im Mittelpunkt" stehe.
    Wie immer man es auch betrachte,Kirche und Religion haben ihren Anfang,ihre Mitte und ihr Ende in Gott.Der Gedanke,Gott solle sich nach den Menschen richten,scheint diese Tage zwar naheliegend,bleibt aber abwegig.
    Nichts fuer ungut.

  • Der Papst bekommt 2500 Euro Rente, während in den Wirtschaftskreisen zur Zeit ernsthaft darüber diskutiert wird, ob die Spitzenmanagergehälter auf das 60- oder das hundertfache des Durchschnittslohnes beschränkt werden sollen.

  • Die werden die Kurve nicht kriegen. Die Verkrustungen sind viel zu starr. Weltoffenheit und Reformen würden ja schließlich die Macht des Klerus über die Schäfchen gefährden. Das ist so ähnlich wie damals bei der KPdSU und der SED. Erst wenn die Bais buchstäblich auf die Barikaden geht wird sich etwas ändern.

  • Die katholische Kirche blickt zurück auf eine 2000jährige Geschichte und Entwicklung. Ihr "Markenkern" ist nicht die Anpassung an beliebige "Zeitströmungen", sondern eine Lehre, die biblisch fundiert ist, und somit transzendenter Natur ist.
    Wenn "Urbid" und "Abbild" zu weit auseinanderdriften, kann auch die katholische Kirche nur verlieren, da sich der "göttlicher Geist" der ihr innewohnt, dann im Exil befinden wird. Das ist nicht zu erwarten.
    Der Papst wird vom "heiligen Geist" gewählt als sein Stellvertreter, die Kardinäle und ihr Votum sind Mittel zum Zweck einer "göttlichen" Wahl, die jedes weltliche "Auswählen" bei weitem in ihren Auswirkungen relativiert.

  • Herr Kolf macht mit seinem Beitrag klar, dass die Kirche nicht verstanden wird, wenn von Reformen gesprochen wird, damit sie in die Postmoderne passt. Die Kirche müsste sich seiner Ansicht nach für Menschen mit neuen Lebensentwürfen öffnen. Der Mensch solle wieder im Mittelpunkt stehen. Doch gerade weil in der Kirche der Mensch im MIttelpunkt steht (bei aller fehlerhaftigkeit) wird sie niemals jedem Trend in der Gesellschaft zustimmen können.Sie ist eben nicht 1:1 vergleichbar mit rein weltlichen Institutionen. Die Institution Kirche hat immer auf den aufmerksam zu machen, von dem sie den Auftrag bekommen hat und der sagte: "Kehrt um und glaubt an das Evangelium; und: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben."
    Diesem Auftrag kann sie sich nicht entziehen, die Wahrheit war schon zur Ziet Jesu vielen ein Anstoss - und das ist in unserer Zeit je länger je mehr der Fall. Denn jeder ist sich selbst der Nächste und bastelt sich Lebensentwürfe, wie sie ihm eben grad passen.

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