Korea
Seoul atmet auf

Die vom Uno-Sicherheitsrat gegen Nordkorea verhängten Sanktionen sind eher sanfter Natur: Das Streben nach Atomwaffen soll mit einem Rüstungsembargo und mit Einschränkungen des Finanztransfers geahndet werden. Vorerst jedenfalls. Damit konnten China und Russland von den USA favorisierte schärfere Strafmaßnahmen verhindern.

Aber auch in Südkorea wird man diesen Kompromiss als Erfolg werten. Denn dort fürchtet man kaum etwas mehr als einen schnellen Kollaps des kommunistischen Nordens. Oft wird dabei das Beispiel Deutschland erwähnt, das seit der Wiedervereinigung immense wirtschaftliche Belastungen zu bewältigen hat. Szenarien von Flüchtlingswellen, von einem Exodus ausländischer Unternehmen und einer Finanzkrise werden gezeichnet, wenn südkoreanische Experten zu erklären versuchen, wie wichtig die Stabilität in der Region sei. Das ökonomische „Powerhouse“ Südkorea sorgt sich um seinen Wohlstand, sollte es den verarmten Norden plötzlich alimentieren müssen. Mit Blick auf Sanktionen drängte Seoul daher konsequenterweise auf solche, die Nordkoreas Elite treffen und nicht die Masse der dort lebenden Menschen.

Die Angst vor einem Zusammenbruch des Nordens ist so groß, dass sie seit geraumer Zeit auch das Verhältnis zu Washington prägt. Dies zeigte sich deutlich, als Südkoreas Präsident Roh Moo-Hyun vor einem Monat die USA besuchte. Beide Seiten verzichteten wohlweislich auf ein Abschlusskommuniqué. Denn hätte man tatsächlich die Wahrheit über den Stand der Beziehungen beider Länder zu Protokoll gegeben, sie wäre nicht sehr erfreulich ausgefallen.

Washington und Seoul driften jedenfalls seit geraumer Zeit auseinander. Solche Tendenzen waren in der Geschichte der beiden Alliierten zwar schon mehrfach zu beobachten. Doch vor dem Hintergrund des nordkoreanischen Atomversuchs drohte die Schmerzgrenze tangiert zu werden. Es war deshalb kein Zufall, dass US-Präsident George W. Bush in seinen jüngsten Bemerkungen zu Nordkorea ganz im Gegensatz zur sonst üblichen martialischen Rhetorik 18-mal das Wort „Diplomatie“ verwendete.

Das Weiße Haus ist sichtlich bemüht, jeden Eindruck zu vermeiden, es würde eine Militäroperation erwägen. Dies geschieht sicher nicht nur aus Rücksicht auf Südkorea. Denn die Wahrnehmung der US-Politik gegenüber Seoul spielt im politischen Geflecht der gesamten nordostasiatischen Region eine zentrale Rolle.

Die von Nordkorea ausgehende Gefahr wird in Seoul offenbar als weit weniger bedrohlich bewertet als in den USA. Wenn überhaupt, dann richte sich das Streben nach der nuklearen Option vor allem gegen die USA, heißt es. Dass die koreanischen Brüder im Süden Ziel eines Atomangriffs werden könnten, gilt als kaum vorstellbar. Im Juli, nach Nordkoreas Raketentests, sprach Präsident Roh dies offen aus: „Die Taepodong-II-Rakete ist zu klein, um die USA zu erreichen, und zu groß, um auf Südkorea gerichtet zu sein.“ Zudem würden die Medien Pjöngjangs Ambitionen übertrieben darstellen.

Doch gerade dieser Ansatz läuft Washingtons Politik diametral entgegen. Mit einem atomar bewaffneten Nordkorea will man sich keinesfalls abfinden. Deshalb wird auch versucht, eine Fortsetzung der südkoreanischen „Sonnenscheinpolitik“ zu verhindern, die auf eine Annäherung von Nord und Süd abzielt. Man macht diesen zarten Ansatz mitverantwortlich dafür, dass Nordkorea die Devisen zur Finanzierung des Atomprogramms überhaupt aufbringen konnte.

Vielleicht unterschätzt die US-Regierung hier die koreanische Psyche. Denn auch 61 Jahre nach der Teilung der Halbinsel entlang dem 38. Breitengrad ist die Überzeugung, eigentlich eine Nation zu sein, fest verankert. Die familiären Bande sind nach wie vor eng, von tiefen Emotionen geprägt. Wo immer möglich, wird die Erinnerung an Gemeinsamkeiten wach gehalten. Und daraus speist sich die Zustimmung zu der einst von Rohs Amtsvorgänger Kim Dae-Jung kreierten „Sonnenscheinpolitik“. Deren Aufgabe, zumal auf Druck der USA, würde in Südkoreas Öffentlichkeit nur Enttäuschung ernten.

Auch ein anderer Streitpunkt zwischen Seoul und Washington erscheint nach den jüngsten Entwicklungen in einem neuen Licht: Seit geraumer Zeit drängt Seoul darauf, von den USA auch im Kriegsfall das Kommando über die Streitkräfte im Land übertragen zu bekommen. Bislang liegt die Befehlsgewalt in einem solchen Fall bei der Führung des in Südkorea stationierten 30 000 Mann starken US-Militärkontingents. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld deutete zwar an, dass das Kommando bis zum Jahr 2009 abgegeben werden könnte. Aber es gibt doch Zweifel, ob eine solche Demonstration südkoreanischer Souveränität angesichts der Drohgebärden aus dem stalinistischen Norden noch sinnvoll ist.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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