Korruption
Keine Geschäftsessen in der Currywurst-Bude

Viele Unternehmen haben für Geschäftsessen lächerliche Beträge als Obergrenze eingeführt. Für Journalisten und Beamte sind klare Regeln sinnvoll, für die Geschäftswelt nicht - Einladungen gehören dazu. Ein Kommentar.
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DüsseldorfEin Geschäftsmann ist jemand, der morgens im Büro über Golf redet und den ganzen Nachmittag auf dem Green über seine Arbeit. Das Bonmot definiert die schwammige Berufsbezeichnung durchaus trefflich, denn tatsächlich wurden Geschäfte jahrhundertelang meist außerhalb stickiger Firmenzentralen angebahnt.

Der Golfplatz ist dabei austauschbar – gegen das Fußballstadion, die Konzertpause, den Jubiläumsempfang oder auch nur ein Restaurant. Sie alle sind letztlich nur ein Ersatz für das, was einst der Marktplatz war: das Zentrum des geschäftigen Lebens.

Die Wirtschaft braucht solche Kontaktbörsen. Ohne Small-Talk-Oasen, in denen man sich ungezwungen treffen, Ideen und Offerten austauschen und sich dann weiter verabreden kann, trocknet die Geschäftstätigkeit aus. Das gesellschaftliche Leben, das sich um eine Branche herum abspielt, ist obendrein ein wichtiger Standortfaktor.

München beispielsweise hatte noch vor einigen Jahren mehr Dax-Konzerne im Finanzsektor als Frankfurt und zudem deutlich mehr Beschäftigte in der Branche. Selbst die Zahl der Banken hielt sich in etwa die Waage. Und dennoch hat es die bayerische Landeshauptstadt, trotz zweifellos höherer Lebensqualität, nie geschafft, Frankfurt den Rang als Finanzplatz abspenstig zu machen – ganz einfach, weil sich das gesellschaftliche Leben in München um die Film- und Medienbranche dreht. Wer Veronica Ferres, Till Schweiger oder Nina Hoss treffen will, der ist auf den Partys und Empfängen an der Isar gut aufgehoben. Josef Ackermann, Clemens Börsig und Anshu Jain dagegen begegnet man eher am Main. Aber eben nicht an der Currywurst-Bude um die Ecke.

Den Wert von Empfängen, Partys und anderen gesellschaftlichen Ereignissen unterschätzen jedoch nicht nur Wirtschaftsförderer – die Firmen selbst legen sich zunehmend Handschellen an. Bei Rewe beispielsweise dürfen sich Mitarbeiter nicht mehr zu Eventveranstaltungen einladen lassen. Restaurants sind tabu, erlaubt sind dagegen Arbeitsessen in der Kantine. In anderen Konzernen gelten für Geschäftsessen lächerlich geringe Beträge als Obergrenze, bei Mercedes sind es 30 Euro pro Person.

Wer seinen Mitarbeitern solche Limits setzt, darf sie auch nicht auf Firmenempfänge mit Hunderten von Gästen schicken. Denn dort ist dieser Rahmen in den allermeisten Fällen ganz schnell überschritten.

Dabei stellt sich die Frage, welcher Mitarbeiter korrupter ist – also eher bereit, für einen finanziellen Vorteil gegen die Interessen seiner Firma zu handeln: Derjenige, der sich von einem Geschäftspartner zum Fußball einladen lässt oder in ein Konzert, auch wenn die Karte einige Hundert Euro kostet? Oder derjenige, der, wie bei Investmentbankern üblich, bis zu 20 Prozent des Geschäftsvolumens als Bonus einsackt und deshalb unverhältnismäßig hohe Risiken eingeht?

Für Beamte und Journalisten mögen klare und strenge Regeln sinnvoll sein – sie sind ja nicht Teil der Geschäftswelt, sondern nur Schiedsrichter oder Beobachter. Geht es aber um Kunden oder Geschäftspartner, handelt es sich bei den meisten dieser Auflagen um Marotten. Wie in so vielen Feldern sind der (Geschäfts)Welt hier der gesunde Menschenverstand und das richtige Maß abhandengekommen.

Wolfgang Reuter
Wolfgang Reuter
Handelsblatt / Ressortleiter

Kommentare zu " Korruption: Keine Geschäftsessen in der Currywurst-Bude"

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  • Grundsätzlich volle Zustimmung! Aber auch bei Beamten oder Journalisten sollte man sich vielleicht doch über eine Aufweichung der Regelungen Gedanken machen (Bspw. in Form der Einführung einer 20- oder 30-Euroregel): Ist es wirklich nötig, dass sich BaFin-Mitarbeiter noch nicht einmal einen Kaffee bei der Prüfung ausgeben lassen dürfen? Ein wenig mehr Fingerspitzengefühl und Vertrauen in die Integrität der Mitarbeiter wäre da vielleicht angemessen.

  • "Kleinkariert" trifft es auf den Punkt. Typisch Deutsch ales in irgendein Schema pressen zu wollen.
    Schaut euch mal in anderen Lädern um, wie entspannt dort Business gemacht wird.

  • @konto_von_mir
    Mir ging es ebenso, dass sich die Nackenhaare aufgestellt haben. München hatte deutlich mehr Beschäftigte in der Finanzbranche als Frankfurt? Hallo? Alleine die Banken in der Stadt Frankfurt beschäftigen 40% mehr Menschen als die gesamte Finanzbranche (incl. Versicherungen) im Großraum München.
    Wer solch schlecht recherchierte Statistiken zur Argumentationsbasis seiner Kolummne macht, braucht sich über Unverständnis nicht zu wundern.
    Zum Thema: Wenn einzelne Unternehmen keinen Wert darin sehen, dass ihre Mitarbeiter sich mit Geschäftspartnern in Restaurants treffen, sind Obergrenzen für die Bewirtung in Ordnung. Nach meiner Erfahrung gibt es für Arbeitsessen kaum Regelmentierungen und in eine Betriebskantine wurde ich auch noch nie eingeladen.

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