Korruption

Keine Geschäftsessen in der Currywurst-Bude

Viele Unternehmen haben für Geschäftsessen lächerliche Beträge als Obergrenze eingeführt. Für Journalisten und Beamte sind klare Regeln sinnvoll, für die Geschäftswelt nicht - Einladungen gehören dazu. Ein Kommentar.
16 Kommentare
Pommes von der Imbiss-Bude. Quelle: dpa

Pommes von der Imbiss-Bude.

(Foto: dpa)

DüsseldorfEin Geschäftsmann ist jemand, der morgens im Büro über Golf redet und den ganzen Nachmittag auf dem Green über seine Arbeit. Das Bonmot definiert die schwammige Berufsbezeichnung durchaus trefflich, denn tatsächlich wurden Geschäfte jahrhundertelang meist außerhalb stickiger Firmenzentralen angebahnt.

Der Golfplatz ist dabei austauschbar – gegen das Fußballstadion, die Konzertpause, den Jubiläumsempfang oder auch nur ein Restaurant. Sie alle sind letztlich nur ein Ersatz für das, was einst der Marktplatz war: das Zentrum des geschäftigen Lebens.

Die Wirtschaft braucht solche Kontaktbörsen. Ohne Small-Talk-Oasen, in denen man sich ungezwungen treffen, Ideen und Offerten austauschen und sich dann weiter verabreden kann, trocknet die Geschäftstätigkeit aus. Das gesellschaftliche Leben, das sich um eine Branche herum abspielt, ist obendrein ein wichtiger Standortfaktor.

Der Autor leitet das Ressort Unternehmen beim Handelsblatt. Quelle: Uta Wagner für Handelsblatt

Der Autor leitet das Ressort Unternehmen beim Handelsblatt.

(Foto: Uta Wagner für Handelsblatt)

München beispielsweise hatte noch vor einigen Jahren mehr Dax-Konzerne im Finanzsektor als Frankfurt und zudem deutlich mehr Beschäftigte in der Branche. Selbst die Zahl der Banken hielt sich in etwa die Waage. Und dennoch hat es die bayerische Landeshauptstadt, trotz zweifellos höherer Lebensqualität, nie geschafft, Frankfurt den Rang als Finanzplatz abspenstig zu machen – ganz einfach, weil sich das gesellschaftliche Leben in München um die Film- und Medienbranche dreht. Wer Veronica Ferres, Till Schweiger oder Nina Hoss treffen will, der ist auf den Partys und Empfängen an der Isar gut aufgehoben. Josef Ackermann, Clemens Börsig und Anshu Jain dagegen begegnet man eher am Main. Aber eben nicht an der Currywurst-Bude um die Ecke.

Den Wert von Empfängen, Partys und anderen gesellschaftlichen Ereignissen unterschätzen jedoch nicht nur Wirtschaftsförderer – die Firmen selbst legen sich zunehmend Handschellen an. Bei Rewe beispielsweise dürfen sich Mitarbeiter nicht mehr zu Eventveranstaltungen einladen lassen. Restaurants sind tabu, erlaubt sind dagegen Arbeitsessen in der Kantine. In anderen Konzernen gelten für Geschäftsessen lächerlich geringe Beträge als Obergrenze, bei Mercedes sind es 30 Euro pro Person.

Wer seinen Mitarbeitern solche Limits setzt, darf sie auch nicht auf Firmenempfänge mit Hunderten von Gästen schicken. Denn dort ist dieser Rahmen in den allermeisten Fällen ganz schnell überschritten.

Dabei stellt sich die Frage, welcher Mitarbeiter korrupter ist – also eher bereit, für einen finanziellen Vorteil gegen die Interessen seiner Firma zu handeln: Derjenige, der sich von einem Geschäftspartner zum Fußball einladen lässt oder in ein Konzert, auch wenn die Karte einige Hundert Euro kostet? Oder derjenige, der, wie bei Investmentbankern üblich, bis zu 20 Prozent des Geschäftsvolumens als Bonus einsackt und deshalb unverhältnismäßig hohe Risiken eingeht?

Für Beamte und Journalisten mögen klare und strenge Regeln sinnvoll sein – sie sind ja nicht Teil der Geschäftswelt, sondern nur Schiedsrichter oder Beobachter. Geht es aber um Kunden oder Geschäftspartner, handelt es sich bei den meisten dieser Auflagen um Marotten. Wie in so vielen Feldern sind der (Geschäfts)Welt hier der gesunde Menschenverstand und das richtige Maß abhandengekommen.

Startseite

16 Kommentare zu "Korruption: Keine Geschäftsessen in der Currywurst-Bude"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Grundsätzlich volle Zustimmung! Aber auch bei Beamten oder Journalisten sollte man sich vielleicht doch über eine Aufweichung der Regelungen Gedanken machen (Bspw. in Form der Einführung einer 20- oder 30-Euroregel): Ist es wirklich nötig, dass sich BaFin-Mitarbeiter noch nicht einmal einen Kaffee bei der Prüfung ausgeben lassen dürfen? Ein wenig mehr Fingerspitzengefühl und Vertrauen in die Integrität der Mitarbeiter wäre da vielleicht angemessen.

  • "Kleinkariert" trifft es auf den Punkt. Typisch Deutsch ales in irgendein Schema pressen zu wollen.
    Schaut euch mal in anderen Lädern um, wie entspannt dort Business gemacht wird.

  • @konto_von_mir
    Mir ging es ebenso, dass sich die Nackenhaare aufgestellt haben. München hatte deutlich mehr Beschäftigte in der Finanzbranche als Frankfurt? Hallo? Alleine die Banken in der Stadt Frankfurt beschäftigen 40% mehr Menschen als die gesamte Finanzbranche (incl. Versicherungen) im Großraum München.
    Wer solch schlecht recherchierte Statistiken zur Argumentationsbasis seiner Kolummne macht, braucht sich über Unverständnis nicht zu wundern.
    Zum Thema: Wenn einzelne Unternehmen keinen Wert darin sehen, dass ihre Mitarbeiter sich mit Geschäftspartnern in Restaurants treffen, sind Obergrenzen für die Bewirtung in Ordnung. Nach meiner Erfahrung gibt es für Arbeitsessen kaum Regelmentierungen und in eine Betriebskantine wurde ich auch noch nie eingeladen.

  • hierzu sollten Sie Herrn Oliver Stock,
    Chefredakteur Handelsblatt Online, befragen.

  • bestechung muss einfach nur im großen stil gemacht werden > dann nennt man es lobbyismus

  • Warum hat das Handelsblatt gelöscht? Ja, das wäre doch in öffentlichem Interesse!
    Aber wenn alle wegsehen und Hinweise löschen? Wozu dann die 30 € Essensregel?

    Eine Korruptionsplatform wäre vielleicht eine Lösung? Unabhängig von der Hofberichtspresse ein öffentlicher Korruptionspranger. Für Fälle ab etwa; sagen wir ca. 2000 €/a. Wer unberechtigt anprangert muß nackt durch Berlin laufen. Dann kommen auch noch mehr verklemmte Amis zu besuch. Allen wäre geholfen! Die Korruption wird wargenommen, Berlin macht Kasse und die Staatsanwaltschaft muß auch an Fällen arbeiten, auf die sie keine Lust hat.

  • Als Schlussfolgerung aus diesem Artikel ziehe ich die Erkenntnis, dass unser ehemaliger Bundespräsident Christian Wulff viel zu geringe Bezüge hatte.

  • Für Beamte und Journalisten mögen klare und strenge Regeln sinnvoll erscheinen. Wer hält sich daran? Hier einige Beispiele für das Spiessbügertum:
    - beim DPMA gelten lt. dem Leiter der inneren
    Revision, Herrn Hewels,dass keine Zuwendungen an Prüfer
    und Leitende Regierungsdirektoren zu leisten sind. Jede
    Korruption ist bei ihm zu melden. Alle meine
    Korruptionvorwürfe beim Handelsblatt sind hierzu
    gelöscht worden. Ist das HB überhaupt noch objektiv?
    Nein! Meine Korruptionsvorwürfe haben bereits den
    Generalbundesanwalt in Karlsruhe erreicht. Der auch mit
    den Ermittlungen beauftragt ist. Hierbei geht es nicht
    um € 90.00 sondern um Erpressungsbeträge > € 100.000.
    Hierzu schweigen bis jetzt die Staatsanwaltschaften in
    München, die Aufsichtsbehörde, dem MdJ.
    Wie kann das HB zulassen, dass alle
    Kommentare hierzu vom zuständigem HB-Online-Redakteur
    gelöscht wurden? Inzwischen kann auch hier nachgewiesen
    werden, dass die Löschung auf Veranlassung der
    Staatsanwaltschaft in München und des DPMA erfolgt ist.

  • ... ob 30 oder 90 €. Bei solchen Beträgen findet keine Bestechung statt. Bei den 'Kleinen' vorsorgen und die 'Großen' haben weiter ungehindert Spaß. Schwachsinnige kleinkarrierte Regelungen. Und die, die wirklich die Hand aufhalten machen das weiter. Aber da kommt man mit einem Essen nicht zum Zug. Da muß man schon was anderes hinlegen (lassen).

  • >lächerlich geringe Beträge als Obergrenze, bei Mercedes sind es 30 Euro pro Person

    Ich kann dafür fürstlich essen gehen: ich finde solche Grenzen gut, sie gebieten der weitläufig grassierenden Korruption Einhalt.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%