Kosovo
Europa auf gefährlichem Weg

Nun ist es passiert. Nach monatelanger Verzögerung haben die Kosovo-Albaner am Sonntag ihre Unabhängigkeit erklärt.
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Wenn nicht alles täuscht, werden fast alle westlichen Staaten innerhalb kurzer Zeit das neue Gebilde anerkennen, auch wenn die abtrünnige serbische Provinz in keiner Weise ökonomisch lebensfähig ist.

Unter den aktuellen Bedingungen war die Abspaltung von Serbien unvermeidlich. Aber sie ist ein weiterer Schritt auf einem letztlich fatalen Weg des Zerfalls von Staaten. Während die Folgen im Kosovo und in Serbien weniger dramatisch sein werden als befürchtet, hat der Schritt eine gefährliche Ausstrahlung auf viele Regionalkonflikte in der Welt.

Es stimmt, im Kosovo selbst gab es nach Jahren als Uno-Protektorat keine Alternative mehr. Die Kosovo-Albaner bereiteten sich systematisch auf diesen Tag vor, unterstützt von den größten westlichen Staaten. Eine Rückkehr unter serbische Hoheit galt wegen der Unterdrückungsversuche als unmöglich. Europa stand vor der Frage, ob es der Region auf Dauer eine andere Perspektive bieten will als sich nur durch Hütchen-Spiele, Bandenkriminalität und Dauersubventionierung von außen zu finanzieren. Grundvoraussetzung dafür ist eine Klärung des rechtlichen Status.

Letztlich macht die vollzogene Unabhängigkeit auch Serbien und Russland das Leben leichter. Sie konnten schon aus innenpolitischen Gründen einer Unabhängigkeit einfach nicht zustimmen. Deshalb war jeder Versuch einer einvernehmlichen Verhandlungslösung von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Mit großer Wahrscheinlichkeit werden sich beide aber nun in das Unvermeidliche fügen. In Serbien besteht nun die Chance für eine realistischere Debatte, ob der Kosovo nicht ohnehin nur noch in der historischen nationalen Erinnerung als Teil des Landes existierte. Faktisch haben die Serben im Kosovo bereits seit acht Jahren keinerlei Einfluss mehr.

Man sollte sich deshalb von ersten Protesten oder vielleicht sogar Krawallen nicht täuschen lassen: Ist der nationalistische Rauch erst einmal verzogen, lässt sich klarer erkennen, dass das Land ohne die Problem-Provinz Kosovo sogar besser dasteht. So paradox es am Tag nach der für viele Serben schmerzlichen Unabhängigkeit auch zu sein scheint: Die Chancen für einen EU-Beitritt und einen wirtschaftlichen Aufschwung sind seit gestern massiv gestiegen. Auf jeden Fall wird das Land lange vor dem Kosovo der EU angehören.

Auch Russland dürfte kühl abwägen, wo genau eigene Interesse liegen. Das Poltern vor der Entscheidung war wichtig für das eigene Profil als selbst ernannte Schutzmacht aller orthodoxen Christen. Nun aber muss Moskau abwägen, ob es wirklich die Unabhängigkeit der russisch kontrollierten abtrünnigen georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien sowie des abtrünnigen Transnistriens in Moldawien vorantreiben will. Denn alle drei Armenhäuser würden dann auf lange, lange Zeit am finanziellen Tropf Moskaus hängen – wie künftig übrigens der Kosovo an dem der EU.

Die negativen Wirkungen der Unabhängigkeitserklärung werden allerdings außerhalb des Kosovos und Serbiens zu spüren sein. Sehr wahrscheinlich ist der Kosovo gar nicht die letzte Episode im Zerfall des alten Jugoslawiens. Die bosnischen Serben drängen nun ebenfalls auf eine Abspaltung. Und der Westen wird Probleme mit der Argumentation haben, wieso man der Republika Srpska einen Schritt verbieten sollte, der bei den Kosovo-Albanern akzeptiert wurde. Das Kunstgebilde Bosnien-Herzegowina gegen den Willen der Serben zusammenzuhalten dürfte jedenfalls schwer werden.

Der bloße Verweis darauf, der Kosovo sei eben ein einzigartiger Fall und diene deshalb nicht als Vorbild, hilft jedenfalls nicht weiter und ist wenig überzeugend. Jede Unabhängigkeitsbewegung reklamiert das Recht auf Selbstbestimmung für sich und sieht sich als Opfer einer sie unterdrückenden Zentralmacht. Sie alle werden den Fall Kosovo als Aufforderung zum weiteren Kampf begreifen.Nicht ohne Grund haben deshalb Länder mit eigenen separatistischen Bewegungen wie etwa Spanien mit der baskischen Eta die größten Vorbehalte gegen die Anerkennung des Kosovos.

In Jugoslawien hat die westliche Staatengemeinschaft teilweise aus humanitären Gründen akzeptiert, dass sich neue Länder entlang ethnischer Grenzen bilden. Vielleicht war dies angesichts der damaligen blutigen Kämpfe und der serbischen Unterdrückung nicht zu vermeiden. Aber man hat die langfristigen Folgen nicht mit bedacht. Vielleicht tritt man mit dem selbstständigen Kosovo tatsächlich einen Brandherd auf dem West-Balkan aus. Aber dafür flackern neue in vielen anderen Teilen der Welt auf.

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