Kosten müssen schneller gesent werden
Degussa: Spezialitäten-Falle

Die Chemiebranche sonnt sich im Aufschwung. Aber jeder Boom hat auch seine Verlierer. Daran musste der Chemiekonzern Degussa AG jüngst seine Aktionäre erinnern – mit einer überraschend hohen Wertberichtigung von mehr als 800 Mill. Euro auf seine Feinchemiesparte.

Diese Wertberichtigung wird tiefe Spuren im Abschluss für das dritte Quartal wie auch im Jahresergebnis hinterlassen: In einer Phase, in der Chemiekonzerne wie BASF oder Dow Chemical Rekordgewinne einfahren, schreibt der führende Spezialchemiehersteller der Welt rote Zahlen.

Natürlich mögen dabei auch taktische Überlegungen des Mehrheitseigners RAG im Spiel sein, der an einem günstigen Preis für das Degussa-Paket von Eon interessiert sein muss. Die RAG hat für die mehr als 40 Prozent ein Vorkaufsrecht. Andererseits bestätigt die Sonderabschreibung auch, dass die Erträge von Degussa in wichtigen Teilbereichen offenbar deutlich hinter früheren Erwartungen zurückbleiben.

Vom Strukturwandel im Chemiesektor wird der Konzern – ähnlich wie etliche Konkurrenten in Europa – auf dem falschen Fuß erwischt. Die Ausrichtung auf Spezialchemie entpuppt sich im Nachhinein als Falle, aus der man heute nur noch mit Mühe wieder hinausfindet. In wichtigen Arbeitsgebieten wie den Pharmarohstoffen entwickelt sich die Nachfrage wesentlich schwächer als erwartet. Gleichzeitig haben asiatische Konkurrenten den Preiswettbewerb drastisch verschärft. Steigende Kosten für Basischemikalien und Energie lassen sich nur begrenzt weitergeben.

Hinzu kommen im Fall Degussa Strukturprobleme, an denen auch die zahlreichen Desinvestments der vergangenen Jahre nichts Grundlegendes geändert haben: Der Chemieriese ist letztlich ein Kunstgebilde, das die damaligen Eigner Veba und Viag in den 90er Jahren aus einem halben Dutzend Einzelfirmen – darunter SKW, Hüls, Degussa und Goldschmidt – zusammenzimmerten. Die Folge sind zu viele Standorte und relativ hohe Verwaltungskosten. Zudem leistete sich der Konzern mit der mehr als zwei Mrd. Euro teuren Laporte-Gruppe einen Fehleinkauf, der zusätzliche Lasten brachte. Ausgerechnet das einst hoch gelobte Produktprogramm der britischen Tochtergesellschaft bereitet derzeit die größten Probleme.

Alles in allem hat der Umbau der vergangenen Jahre sein Ziel verfehlt, den Degussa-Konzern auf ein neues Ertragsniveau zu hieven. Konzernchef Hellmuth Felcht bleibt nicht viel anderes übrig, als die Kostensenkung zu forcieren, Produktionsstrukturen genauer unter die Lupe zu nehmen und womöglich einige Standorte zu schließen.

Das alles wird die Finanzen zunächst eher beanspruchen als entlasten – und ist damit für den Mehrheitseigner RAG eine durchaus bittere Pille. Denn die Hoffnung, im Chemiegeschäft eine schöne neue Cash-Cow aufzubauen, bleibt fürs Erste ein Wunschtraum. Um ihn zu erfüllen, ist bei Degussa noch ein hartes Stück Arbeit nötig.

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