Kraftwerke
Hilflose Zahlenspiele

Egal ob Atomkraft oder Windstrom - bei der Suche nach der passenden Antwort auf die hohen Energiepreise greifen die Politiker weltweit zu spektakulären Zahlen. Da fordert US-Präsidentschaftskandidat John McCain für die USA bis zum Jahr 2030 mindestens 45 neue Atomkraftwerke - andere planen noch mehr.
  • 0

Gar 1000 neue Reaktoren will Großbritanniens Premierminister Gordon Brown bis 2050 weltweit errichten. Und 700 000 große Windturbinen sollten gleich mitgebaut werden, fordert er beim Ölgipfel in Dschidda.

So eindrucksvoll die Zahlenspielereien auch sein mögen - sie demonstrieren letztlich, wie hilflos die Politiker bei Prognosen und Szenarien für die Energieversorgung der Zukunft sind. Die Suche nach dem Energiemix der Zukunft ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Die wichtigste Determinante ist auch die unsicherste - die langfristige Entwicklung der Energiepreise. Wer vor einem Jahr über einen Ölpreis von 100 Dollar je Barrel spekulierte, wurde milde belächelt, wer gar die Zahl 200 nannte, wurde als Populist beschimpft. Jetzt kratzt der Ölpreis schon an 140 Dollar, und keiner lächelt mehr über Prognosen, die mit 250 Dollar kalkulieren.

Von der Preisentwicklung der Leitenergie hängt aber entscheidend ab, ob sich Gaskraftwerke oder Kohlekraftwerke lohnen, der Verzicht auf Atomkraft zu verkraften ist oder die erneuerbaren Energien schon bald ohne Subventionen auskommen.

Beispiel Gas: Vor fünf Jahren galten Gaskraftwerke als die Hoffnungsträger in der Stromerzeugung, preiswert, schnell zu bauen und mit vertretbaren Betriebskosten. Dann zog der Öl- und damit auch der Gaspreis an, und viele Projekte wurden wieder abgesagt. Als sich die Politik dazu durchrang, die hohen CO2-Emissionen der Kohlekraftwerke zu bestrafen, wurden viele Pläne wieder aus der Schublade geholt. Und jetzt ist der Gaspreis so unkalkulierbar, dass Gasanlagen ein hohes Risiko bergen.

Aber noch eine zweite Preisentwicklung bereitet den Strategen in den Energiekonzernen Kopfzerbrechen: die Kosten neuer Kraftwerke und einzelner Komponenten. Der kaum zu stillende Energiehunger Chinas und Indiens treibt den Preis für die fossilen Energieträger Öl, Gas und Kohle und auch die Nachfrage nach Kraftwerken. Die Kapazitäten bei den Großanlagenbauern sind eng und können die Nachfrage kaum befriedigen. Hinzu kommen drastisch steigende Kosten für wichtige Rohstoffe wie Stahl, Zink oder Nickel.

Beispiel Kohle: In den vergangenen vier Jahren haben sich die Preise für schlüsselfertige Anlagen etwa verdoppelt. Alle Großkomponenten - Kessel, Turbinen, Generatoren, Dampfleitungen und Wärmetauscher - sind deutlich teurer geworden. Die modernen Anlagen benötigen Spezialmaterialen, um die Kohle mit höheren Drücken effizienter und mit geringeren Emissionen verbrennen zu können - und die sind inzwischen nur schwer zu organisieren. Gleichzeitig lassen sich die Belastungen durch den Emissionshandel kaum kalkulieren.

Beispiel Kernkraft: Bei Atomkraft sind die Kapazitäten der Anlagenbauer noch begrenzter. Weltweit verfügt gerade mal eine Handvoll Konzerne über das nötige Know-how. Das treibt auch hier den Preis. 2004 nannte der Hersteller Westinghouse noch einen Preis von 1200 Euro je Kilowatt Leistung, im vergangenen Jahr sprach die britische Regierung von 1900 Euro, und inzwischen dürften es noch mehr sein. Dabei kann man bisher von einem Boom noch gar nicht sprechen. Zwar übertreffen sich die Politiker mit Ankündigungen, zurzeit sind aber nur knapp über 30 Anlagen wirklich im Bau.

Beispiel Windenergie: Steigende Preise für Öl und Gas machen die erneuerbaren Energien rentabler, schon bald sollen sie ohne Subventionen auskommen. Aber auch für Windräder oder Solaranlagen gilt, dass die Anlagenbauer die Nachfrage kaum befriedigen können, die Baukosten klettern. Bei Windrädern etwa schlagen die hohen Stahlpreise zu Buche.

Bei jedem Energieträger, jeder Technik sind die wirtschaftlichen Perspektiven so schwer zu prognostizieren wie die Entwicklung des Ölpreises. Das spricht dafür, bei der Planung des zukünftigen Energiemixes nicht zu sehr auf einen Energieträger zu setzen. Nur wer sich alle Optionen offenhält, kann auf überraschende Ereignisse reagieren.

Kommentare zu " Kraftwerke: Hilflose Zahlenspiele"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%