Kreative
Pop ins Kabinett

Es ist laut, bunt, schrill: 600 Stunden Livemusik von 2000 Musikern bei 400 Acts, Kongresse und eine Fachtagung machen die Berliner Popkomm zum weltweit größten Branchenevent der Musikindustrie.

Klar, dass da auch Politiker hinpilgern: Wirtschaftsstaatssekretär Hartmut Schauerte bei Heavy Metal, natürlich ist Klaus Wowereit dabei, denn es ist die allergrößte Party der Stadt. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil hört zu, und Kulturstaatsminister Manfred Neumann bekennt in der Eröffnungsrede, dass er zwar altersbedingt keine Popmusik mehr höre, sie aber „auch nicht aus dem Auge“ verloren habe.Doch nicht um Stars, Musik und CDs geht es, sondern um die Herausbildung der neuen Märkte für die „weichen“ Produkte der kreativen Industrien. Sie könnten die großen Wachstumsträger für entwickelte Volkswirtschaften werden. Ihre Bedeutung liegt „in der Wertsteigerung durch Innovation und Kreativität“, so die britische Ministerin für Kultur und Medien, Tessa Jowell, in einem Grundsatzpapier.

Denn längst habe Europa im Zuge der Globalisierung den Kampf um industrielle Arbeitsplätze verloren und müsse akzeptieren, dass ein immer größerer Anteil der klassischen Industrien in die asiatischen Wachstumsländer abwandern werde. Die üblichen Strategien, große Mengen zu produzieren und sie billig zu verkaufen, seien in Wahrheit gescheitert. Die Zukunft liege im Wachstum der „creative industries“, in so schillernden Bereichen wie Werbung, Architektur, Kunst, Design, Mode, Film, Video, Musik, Theater, Eventmanagement, bis hin zu Software- und Computerdienstleistungen sowie Radio und Fernsehen. „Klamotten möglichst billig zusammensticheln kann China, Modedesign aber ist die eigentliche Wertschöpfung“, so Dieter Gorny, Gründer der Popkomm und heute als Manager des Musiksenders MTV einer derjenigen, die Diskussionsforen auf der Popkomm weitertreiben.

Letztlich, so das Argument, sei auch die technische Funktionalität deutscher Autos nicht mehr das überzeugende Kaufargument, sondern Design, Prestige und Image, Schöpfungen der neuen Art. Damit wird der Erfolg dieser „creative industries“ auch zur Vorausbedingung dafür, dass die europäische Industrie ihre Arbeitsplätze gegen die Billigkonkurrenz behaupten kann. Ihr gemeinsames Merkmal ist es, dass sie kreative Inhalte vermitteln und erzeugen. Ihre Produkte sind nicht in Tonne oder Stückzahlen messbar, sondern sind Ausprägungen geistigen Eigentums, dessen Erzeugung und Auswertung die Arbeitsplätze der Zukunft schaffen sollen und das letztlich körperlos bleibt. Denn in der digitalen Welt werden nicht mehr Schallplaten verkauft, sondern einzelne Tracks.

Andere sind da schon weiter. In Großbritannien mache die Kreativwirtschaft ein Zwölftel der Wirtschaftskraft aus, sagt der frühere Rockmusiker Feargal Sharkey, der als Chairman des britischen „Live Music Forum“ die britische Regierung bei der Künstlerförderung berät. Schon Königin Elisabeth II. hat ja die Beatles für ihre Exporterfolge geadelt. In Deutschland dagegen wird noch streng separiert, verläuft ein tiefer Graben zwischen der meist staatlich verwalteten und umfangreich geförderten Hochkultur und der kommerziellen Kultur von U-Musik bis Musical. Er trennt marktnah agierende Kulturindustrien wie Werbung und Design von öffentlich-rechtlicher Kulturverwaltung.

Stärker als andere Länder leidet Deutschland darunter, dass Kunst, Kultur und Kreativität immer noch strikt abgehoben von ökonomischen Sachverhalten gesehen werden. Das Wahre, Schöne und Gute erhebt sich über die Zwänge der wirtschaftlichen Niederungen und wird staatlich gefördert. Kulturpolitik erschöpft sich darin, eine möglichst umfangreiche öffentliche Unterstützung aufrechtzuerhalten und beispielsweise noch höhere Subventionen für den deutschen oder europäischen Film locker zu machen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, warum dessen Exportfähigkeit gegen null tendiert. Damit bleibt Kulturförderung ornamental, defensiv und rückwärts gewandt. In dieser Abgrenzung geht verloren, dass eine europäische Wissengesellschaft eine breite, vitale und entwicklungsfähige Kreativwirtschaft als Grundvoraussetzung benötigt und über gemeinsame Interessen verbunden ist. Dazu zählen der Schutz des geistigen Eigentums, gezielte Ausbildung und Rahmenbedingungen, die diese Branchen gezielt als wirtschafts- und arbeitsmarktpolitische Zukunftsressource sehen. Jetzt will Kulturstaatsminister Neumann Wirtschaftsminister Glos in die „Initiative Musik“ einbinden, die die Rock- und Popmusik fördert – zwei ganz neue Rocker in Angies Bundeskabinett.

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