Kredite
Analyse: Es klemmt

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Zwar ist noch kein großer Deal gescheitert, doch die bislang überschäumende Liquidität auf den Kreditmärkten ist schlagartig versiegt. Das ruft böse Erinnerungen an das Ende des letzten Buy-out-Booms wach. Damals, im Oktober 1989, scheiterte die Übernahme der US-Fluggesellschaft United Airlines an der Finanzierung. Der Markt für hochverzinsliche Ramschanleihen (Junk Bonds) brach über Nacht zusammen, die Börse in New York verlor sechs Prozent. „Es war, als wenn die Investoren des Landes aus einem jahrzehntelangen Traum erwachten und endlich realisierten, dass hohe Gewinne nicht ohne hohe Risiken zu haben waren“, beschreibt der amerikanische Finanzjournalist James Stewart in seinem Bestseller „Den of Thieves“ das Ende der damaligen Ära. Das klingt heute wieder aktuell.

Im Blickpunkt stehen jedoch nicht nur die Finanzinvestoren. Wichtiger für die Stabilität des weltweiten Finanzsystems ist das Schicksal der Banken. Sie haben den Buy-out-Boom in den vergangenen Jahren mit Rat und Tat angefeuert. Und dabei kräftig Kasse gemacht. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres haben die Private-Equity-Firmen mehr als acht Milliarden Dollar Gebühren an die großen Finanzhäuser dieser Welt überwiesen. Der Boom bei Fusionen und Übernahmen hat der Wall Street und der Londoner City in den vergangenen Jahren Rekordgewinne beschert.

Wenn es jetzt bei einer Reihe von Finanzierungen zu Engpässen kommt, ist das ein Warnsignal, aber noch kein Grund zur Panik. Unter dem Strich hat sich die Risikofreude der letzten Jahre für die meisten Banken gelohnt. Die Gewinne sprudelten so reichlich, dass sich höhere Finanzierungskosten und höhere Ausfallrisiken durchaus verkraften lassen. Der Internationale Währungsfonds hat der Finanzbranche gerade erneut bescheinigt, dass sie auf das Ende des Booms gut vorbereitet sei. Und auch die Kreditwächter der Ratingagentur Moody’s wollen nicht von einer Krise sprechen. Die Fähigkeit des Finanzsystems, Schocks zu absorbieren, sei sehr hoch, heißt es.

Investmentbanker sind deshalb auch nicht unglücklich über die Korrektur an den Kreditmärkten. Eine realistischere Risikoeinschätzung der Investoren kommt den Bankern durchaus gelegen – solange sich keine Panik breit macht. Das Szenario für die kommenden Monate ist deshalb auch verhalten optimistisch. Eine Zeit lang wird es vermutlich keine größeren Buy-outs mehr geben. Ein erstes Opfer könnte der geplante Verkauf der US-Getränkesparte von Cadbury Schweppes sein. Erstmals müssen nämlich Finanzierungspakete von rund 300 Milliarden Dollar von den Kreditmärkten verdaut werden. Das wird vermutlich nur klappen, wenn die Risikoprämien für die Investoren steigen. Für künftige Deals bedeutet das: Die Finanzierungskosten steigen, und die zu erwartende Rendite sinkt. Der Boom wird von den Marktkräften automatisch gebremst. Vorbei ist er damit aber noch lange nicht. Historisch bleiben die Konditionen auf den Kreditmärkten immer noch attraktiv. Die bereits angekündigten Firmenübernahmen erscheinen zurzeit ohnehin nicht gefährdet. Die privaten Finanzinvestoren werden die Deals schon deshalb durchziehen, um hohen Vertragsstrafen zu entgehen. Die Banker werden mitspielen und können es sich leisten, einen Teil der Risiken in ihre Bücher zu nehmen.

Nicht alle Finanzhäuser sind jedoch in der gleichen komfortablen Lage. So ist die Citigroup von den jüngsten Turbulenzen besonders stark betroffen. Die US-Bank spielt nicht nur bei der Finanzierung des Chrysler-Deals eine führende Rolle, sondern mischt auch bei anderen Megatransaktionen wie den Verkäufen des amerikanischen Technologieanbieters First Data und des US-Energieversorgers TXU mit. Citigroup-Chef Charles Prince sprach kürzlich davon, dass seine Bank auf den Kreditmärkten tanze, solange die Musik spiele. Zum Tanzen gehören allerdings meist zwei. Und im Moment sieht es so aus, als könnten den Banken die Partner ausgehen.

Ist die Gefahr einer um sich greifenden Kreditklemme also schon gebannt? Keineswegs. Finanzmärkte bleiben trotz eines ausgefeilten Risikomanagements der Banken unberechenbar. Anders als Ende der 80er-Jahre geht die aktuelle Krise auf den Kreditmärkten jedoch nicht mit einer aufziehenden Rezession einher. Das sollte die nervösen Investoren zumindest etwas beruhigen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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