Kreditgeschäft
Banken sind wieder ganz brav

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Die Finanzkrise schüttelt die Bankenbranche nicht nur kräftig durch. Sie führt auch dazu, dass plötzlich wieder ganz alte, vor kurzem noch als verstaubt geltende Maßstäbe die Richtung weisen.

Vor kurzem erregte Unicredit-Chef Alessandro Profumo Aufsehen. Er deutete an, dass Geschäftsmodell der Banken müsse sich ändern: Die Bilanz werde wieder wichtig, weil Kredite sich nicht mehr so einfach verkaufen ließen. Die Aussage wurde zum Teil überinterpretiert – Unicredit hat zwar mitgemischt beim Kredithandel, aber nie sehr weit von der Basis des klassischen Bankgeschäfts abgehoben. Trotzdem benennt Profumo einen Trend: Nicht nur bei Autos, auch bei Banken ist Retro-Look angesagt.

Ähnlich die Analysten von Dexia. Sie schreiben in einem Report: „Für Banken mit gesunden Bilanzen bieten sich jetzt einmalige Chancen.“ Und rund um die Welt fragen Investoren Bankchefs heute in erster Linie: Wie hoch ist dein Eigenkapital? Und nicht mehr: Wie hoch ist deine Eigenkapitalrendite?

Jahrelang hatten angelsächsisch geprägte Analysten ein zu hohes Eigenkapital bei Finanzkonzernen eher als Makel angesehen. Der Grund ist simpel: Je höher das Eigenkapital, desto geringer ist die Eigenkapitalrendite, die sich als Quotient aus Gewinn und Eigenkapital errechnet. So standen die Vorstände unter Druck, überschüssiges Kapital auszuschütten oder zu investieren, möglicherweise auch in eine gewagte Übernahme zu stecken. Verstärkt wurde dieser Trend durch die scheinbar problemlos möglichen Verkäufe von Krediten. Alles, was so aus der Bilanz verschwindet, muss nicht mehr mit Kapital unterlegt werden. Die Folge: Investoren und Management starrten vor allem auf die Erträge. Anders gesagt: Eine starke Bilanz zu haben galt als teurer Luxus.

Heute ist alles anders. Die starke Bilanz zieht günstiges Kapital an, weil sie die Ängste der Investoren besänftigt. Zugleich bedeutet eine starke Bilanz die Chance, gutes, auskömmliches Kreditgeschäft zu machen. Denn die schwachen Konkurrenten können nicht mehr mithalten, weil sie die Kredite nicht mehr weiterschieben können. Heute ist die starke Bilanz kein Luxus, sondern ein Ertragsfaktor.

Freilich geht es dabei nicht nur um Buchhaltung und Finanzmathematik. Das ganze Geschäftsmodell der Banken steht auf dem Prüfstand. Wer mehr Kredite in der Bilanz behält, muss die Bonität besser prüfen, muss die Kunden also besser kennen. Dadurch wird das klassische Banking wieder interessant, das von Kundenbeziehungen geprägt ist statt von schnellen Transaktionen auf den Finanzmärkten. Und Expansion heißt dann eben, wirklich neue Märkte, zum Beispiel in Osteuropa, zu erschließen. Und nicht mehr, neue Geschäfte zu erfinden, die vielleicht nach kurzer Zeit gar nicht mehr funktionieren.

Man kann es auch so sagen: Die konservativen Banker dürften in den meisten Häusern zurzeit einen recht guten Stand haben, denn es zahlt sich wieder aus, ganz brav zu sein. Auch bei der Kapitalbeschaffung: Der Privatkunde ist auch in Krisenzeiten mit recht bescheidenen Anlagezinsen zufrieden, der Kapitalmarkt nicht mehr. Wahrscheinlich war daher die Deutsche Bank gut beraten, sich nicht komplett in eine Investmentbank mit angehängtem Filialnetz zu verwandeln, sondern das breite Kundengeschäft zumindest wieder mit ins Blickfeld zu rücken.

Dabei geht es aber nicht allein um die Frage, ob das klassische Bankgeschäft oder das Investment-Banking nun der goldene Weg ist. Man kann auch klassisches Kreditgeschäft sehr unsolide als Durchlauferhitzer für schlecht geprüfte Kredite betreiben – Beispiel Northern Rock in Großbritannien. Umgekehrt gibt es auch beim Investment-Banking sehr solide Bereiche, zum Beispiel das Beratungsgeschäft für Mittelständler. Der entscheidende Punkt ist, wie intensiv man sich mit den Kunden beschäftigt und wie sehr man sich von kurzfristigen Chancen auf dem Kapitalmarkt abhängig macht.

Natürlich sollte niemand jetzt glauben, dass sich das Rad komplett zurückdreht. Das finanzmarktgetriebene Geschäft wird auch künftig Bedeutung für die Banken haben. Und wenn die Krise einmal vorbei ist, kommt todsicher die nächste Generation von Zauberern aufs Parkett, und die konservativen Banker sind auf einmal gar nicht mehr sexy.

Aber einen minimalen Lerneffekt behält die Branche vielleicht doch zurück: Mit Kunden zu reden, Risiken zu prüfen und die Bilanz zu pflegen zahlt sich am Ende aus. Jedenfalls für Bankchefs, die lieber ein paar Jahre länger im Amt bleiben wollen, statt nur kurzfristig die Summe aus Gehalt, Boni und saftiger Abfindung zu maximieren.

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