Kreditversicherer
Unsichere Versicherer

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Die Finanzkrise meldet sich mit einer neuen Variante. Diesmal aus dem Maschinenraum der Kreditmärkte. Dort sitzen Firmen wie MBIA, Ambac oder ACA an einer wichtigen Schaltstelle und versichern Anleihen gegen Zahlungsausfälle. Darunter befinden sich auch Baudarlehen aus Amerika, die heute keinen Penny mehr wert sind. Die Folge ist: Die Versicherer sind selbst nicht mehr sicher, ihre Bonitätsprüfer bekommen kalte Füße, und Banken müssen neue Abschreibungen vornehmen.

Jedes Mal, wenn ein Brandherd der Finanzkrise gerade unter Kontrolle scheint, lodert das Feuer an einer anderen Stelle wieder auf. Erst im Stresstest wird offenbar, dass in der modernen Finanzwelt alles mit allem zusammenhängt. Und wie wenig davon zusammenpasst. Die Kreditversicherer sind dafür ein gutes Beispiel. Niemand hat die kleine Branche bislang beachtet. Warum auch? Haben die wenigen Anbieter lange Jahre doch nur öffentliche Anleihen abgesichert. Für das geringe Ausfallrisiko erhielten sie von den Ratingagenturen eine erstklassige Bonität. Ein todsicheres, aber auch ein todlangweiliges Geschäft. Spannender und vor allem profitabler ist es, komplexe Kreditderivate zu versichern. So drängten die Kreditmaschinisten in den neuen Markt, ohne ihr Risikomanagement dem Gefahrenpotenzial der neuen Anleiheprodukte anzupassen.

Wenn den Kreditversicherern jetzt angesichts der wachsenden Zahlungsausfälle finanziell die Puste ausgeht, stürzt ein weiteres Kartenhaus der Finanzwelt zusammen. Betroffen sind zunächst die Banken, die sich auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt engagiert haben. Vielen war dabei mulmig zumute, und so haben sie sich über sogenannte Credit Default Swaps (CDS) gegen Zahlungsausfälle abgesichert. Wenn die Versicherer jedoch jetzt nicht zahlen können, wird diese Hedging-Strategie der Banken über den Haufen geworfen.

Bill Gross, Chef des weltgrößten Anleihehändlers Pimco, schätzt, dass den Kreditversicherern Verluste von bis zu 250 Milliarden Dollar drohen, wenn die Zahlungsausfälle wieder auf ihr historisches Niveau steigen sollten. Das würde die bisherigen Verluste der Banken um mehr als das Doppelte übertreffen.

Nicht nur Hypothekendarlehen, auch andere Anleihen geraten unter Druck. Viele Pensionsfonds und Versicherungen dürfen nur Produkte mit höchster Bonität halten. Werden mit den Kreditversicherern auch die von ihnen garantierten Produkte herabgestuft, droht eine Verkaufswelle, die den gesamten Anleihemarkt erschüttern könnte.

Selbst die als todsicher gelten-den Anleihen von öffentlichen Kommunen kommen nicht ungeschoren davon. Ohne eine Versicherung mit einem Bonitätssiegel steigen die Kreditkosten von Städten und Gemeinden. Müssen die Kommunen daraufhin Investitionsprojekte aufschieben, trifft das unmittelbar die reale Wirtschaft und beschleunigt die konjunkturelle Talfahrt in den Vereinigten Staaten.

Das bisherige Geschäftsmodell der Kreditversicherer wird die Krise vermutlich ebenso wenig überleben wie die ominösen Investmentvehikel (SIV) der Banken. Für die Finanzhäuser führt kein Weg daran vorbei, dass sie in Zukunft wieder mehr Risiken auf die eigene Kappe nehmen müssen. Das bindet Kapital und schmälert die Profite. Die Talsohle der Krise ist noch nicht erreicht.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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