"Kulturkampf": Tal der Verwirrten

"Kulturkampf"
Tal der Verwirrten

Man fragt sich, worüber man sich mehr wundern soll: Edmund Stoibers Forderung, den türkischen Film „Tal der Wölfe – Irak“ aus den Kinos zu verbannen, den erbärmlichen Inhalt des Films selbst oder über die Bereitwilligkeit großer Teile der Medien, dieses vulgäre Machwerk allen Ernstes zum authentischen Ausdruck der Befindlichkeit der Türken und Muslime zu adeln?

Stoiber sollte sich einfach noch mal die eigenen Stellungnahmen über die Meinungsfreiheit durchlesen, die er und seine Partei nach Veröffentlichung der dänischen Mohammed-Karikaturen abgegeben haben, und dann schweigen. „Tal der Wölfe“ ist ein scheußliches Blut- und Gewaltspektakel, das kein Stereotyp auslässt: Amerikaner sind schießwütig, Kurden sind unzuverlässig, Journalisten korrupt. Ein Aufruf zur Gewalt gegen den Westen ist es nicht: Während der türkische Rambo prügelt und schießt, um die von Amerikanern beschmutzte Ehre seines Landes zu retten, preist der Film als positive Identifikationsfigur einen gütigen Scheich, der Selbstmordattentate und Geiselnahmen als schwerste Sünde gegen den Islam verdammt.

Warum gewinnt ein solcher Streifen derartige Bedeutung in der deutschen Politik und Öffentlichkeit? Warum wiederholen deutsche Medien ungeprüft die falsche Behauptung, in Berliner Kinos würden die türkischen Zuschauer „Allah ist groß“ rufen und Beifall klatschen, wenn Amerikaner erschossen werden? Und warum wird diesem Ballerdrama die Qualität angedichtet, den Geisteszustand der Muslime wiederzugeben?

Die Antwort ist einfach: Ein leichtes Gruseln davor greift um sich, dass die Muslime nicht nur in Nahost, sondern mitten in unseren Großstädten sich zu Hassgefühlen gegen den Westen und seine Werte aufstachelten, denen bald Taten auch in Deutschland folgen könnten. In der Selbstverständlichkeit, mit der inzwischen vom „Kampf der Kulturen“ gesprochen wird, in den Berichten darüber, wie die Muslime in arabischen Ländern und auch die wachsenden Minderheiten in Europa sich angeblich immer stärker von westlichen Werten entfernen, sind erste Ansätze einer Wagenburg-Mentalität auszumachen. Differenzierung ist nicht mehr angesagt, eine Haltung des „Die oder wir“ wird erkennbar.

Fragwürdig ist diese beginnende Hysterie nicht zuletzt deshalb, weil „Tal der Wölfe“ wahrlich nicht das einzige filmische Zeugnis aus einem muslimischen Land ist, auf das man sich beziehen kann. Die Berlinale hat dankenswerterweise gerade mit zahlreichen Filmen aus und über den Nahen und Mittleren Osten den Gegenbeweis erbracht. Der beste, „Offside“ des Iraners Jafar Panahis, ist eine in eine Komödie verpackte Abrechnung mit der Unterdrückung von Frauen im Iran: Weil sie sich als Männer verkleidet Zugang zum WM-Qualifikationsspiel Iran-Bahrain verschaffen wollen – was Frauen verboten ist –, werden mehrere Mädchen von Soldaten im Stadion von Teheran festgenommen. Die Jugendlichen sind nicht nur wütend über das verpasste Spiel, von dem sie nur die Geräuschkulisse mitbekommen, sondern treiben die um Argumente verlegenen Soldaten mit ihren Fragen über den Sinn der Diskriminierung fast zum Nervenzusammenbruch.

Spielerischer kann man die Absurdität der Benachteiligung von Frauen nicht vorführen. Für den Regisseur, der im Iran lebt, ist das nicht ohne Risiko. Sein Film ist zugleich eine wunderbar leichte Widerlegung der These vom Kampf der Kulturen: Wer wie die jungen iranischen Frauen mit solchem Einsatz für seine Freiheit kämpft, gehört keiner gefährlichen Kultur an, dem muss gerade der Westen auch keine Lektionen über den Wert der Menschenrechte erteilen.

Eine der größten Errungenschaften unserer aufgeklärten Gesellschaften ist, dass wir Menschen als Individuen behandeln und nicht als Teile von Kollektiven. Je länger wir uns in den Kampf der Kulturen hineinreden, je mehr wir von „den Muslimen“ reden, desto mehr gefährden wir dieses Prinzip. Vielleicht beruhigen wir mit den Verallgemeinerungen unser schlechtes Gewissen wegen des Irak-Krieges, Abu Ghraib und Guantanamo, den Ursachen des ohnmächtigen Zorns vieler Araber, Iraner und Türken: Aber wir schaden mit der Generalisierung, die nur noch zwei Lager kennt, denen, die sich unter härtesten Bedingungen für Freiheit einsetzen. Und damit auch uns selbst.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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