Ladenschluss-Debatte
Kommentar: Heilige Kuh Sonntag

Samstags gehört Vati mir“, titelten am 1. Mai 1956 Deutschlands Gewerkschaften. Damals ging es darum, die Früchte des Wirtschaftswunders zu verteilen.

HB/cs DÜSSELDORF. Den arbeitsfreien Sonntag hatten sich Verkäufer und Verkäuferinnen in jenem Jahr schon durch das Ladenschlussgesetz gesichert. Die Wirtschaft florierte, es ging bergauf, und wer nicht am Sonntag beim Taubenzüchterverein seinem Hobby frönte, der verbrachte den Tag nach dem Kirchgang im Kreise seiner Familie.

Fast 50 Jahre später kultivieren diese Sozialromantik nur noch Kirchen und Gewerkschaften. Arbeitslosigkeit und Rezession haben die Wirtschaftsidylle von einst längst zur Folklore werden lassen, Familienstrukturen und Lebensentwürfe der Deutschen haben sich grundlegend gewandelt. Viele Singles – und jeder dritte Haushalt wird hier zu Lande inzwischen von ihnen bewohnt – würden durchaus eine mit Zulagen versehene Arbeit am Sonntag bevorzugen, falls ihnen der Arbeitgeber unter der Woche einen Ausgleich gewährt. Die Kunden, so zeigt eine nun vorliegende Verbraucheranalyse, schätzen die größere Freiheit bei den Einkaufszeiten sowieso. Doch in der Berliner Republik kümmert dies offenbar niemanden. Soziale Besitzstände sind Lobbyisten heilig, der verkaufsfreie Sonntag erst recht.

Selbst die meisten europäischen Länder haben ihre Ladenöffnungszeiten weitgehend frei gegeben, ohne dass dort das Sozialgefüge auseinander gebrochen ist. In Irland und Großbritannien etwa können Verbraucher 168 Stunden pro Woche einkaufen, bei uns ist es mit 84 Stunden selbst nach der jüngsten Ausweitung nicht einmal die Hälfte. Nur Finnland, Österreich und Italien bewahren Deutschland derzeit davor, auch bei der Ladenöffnung europäisches Schlusslicht zu sein.

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