Lateinamerika
Die Polarisierer

Selbst wenn die Uno-Generalversammlung am heutigen Mittwoch tatsächlich jenes Land bestimmen sollte, das Lateinamerika im Weltsicherheitsrat vertreten soll, so reizt das lange Ringen zwischen Guatemala und Venezuela doch zu einer politischen Standortbestimmung der beiden Amerikas. Wer hält zu wem und warum?

Die bisherigen 35 Abstimmungen konnten diese Frage kaum schlüssig beantworten. Eindeutig ist nur, dass die USA bisher offen ihren Kandidaten Guatemala unterstützten. Die Weltmacht will verhindern, dass Venezuela ab Anfang 2007 für die Dauer von zwei Jahren Argentinien als nichtständiges Mitglied ablöst. In Washington fürchtet man nicht zu Unrecht, dass Venezuelas linkspopulistischer Präsident Hugo Chávez im wichtigsten Uno-Gremium als Sprachrohr jener lateinamerikanischen Länder auftreten könnte, die den USA nicht gerade hold gesinnt sind.

Dazu zählen insbesondere die Mercosur-Mitglieder Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay sowie Bolivien und die karibischen Staaten, allen voran natürlich Kuba. Hinter Guatemala und damit hinter den USA stehen neben Mexiko die meisten anderen Staaten Zentralamerikas. Im so genannten Hinterhof der USA positioniert, wollen sie nicht auf Konfrontationskurs zum mächtigen Nachbarn gehen.

Mit Argusaugen beobachtete die US-Regierung, wie sich Chávez durch ausgedehnte Reisediplomatie um die Stimmen der von Washington so titulierten „Schurkenstaaten“, der arabischen Liga sowie Russlands und Chinas bemühte. Und dies, so behauptet Chávez, nicht ganz ohne Erfolg. Er wollte jedenfalls nichts dem Zufall überlassen. Seine Köder: Öl und aus dessen Export stammende Dollar. Wie nach Kuba wird Öl auch an die meisten Karibikstaaten zu günstigen Konditionen geliefert. China darf in Venezuela bevorzugt nach Öl bohren und erhält langfristige Lieferverträge. Argentinien wurde bei der Lösung seines Schuldenproblems tatkräftig unter die Arme gegriffen. Und in Russland wurden Kampfhubschrauber und Kalaschnikows bestellt.

Auch die USA zeigen sich gegenüber ihrer Klientel nicht kleinlich: So erhält Kolumbien Militärhilfe in Milliardenhöhe zur Bekämpfung der dortigen Drogenmafia. Peru und einige Länder Zentralamerikas werden mit der Aussicht auf einen besseren Zugang zu den US-Märkten gelockt. Umgekehrt gab es dezente Warnungen, den Markt im Norden auch abschotten zu können, falls Verbündete wie Mexiko sich verweigern sollten. Die Folge dieses Feilschens um Stimmen gegen Öl, Waffen und Dollar: Weder die US-Regierung noch Chávez werden in Lateinamerika als natürliche Autoritäten anerkannt.

So markieren die Differenzen um die Besetzung des Uno-Sicherheitsrats eine tief reichende Spaltung der lateinamerikanischen Region in Gegner und Freunde der USA. Der Antiamerikanismus ist latent und hat sich durch den politischen Linksrutsch in wichtigen Staaten während der letzten zwei Jahre noch verstärkt. Hinzu kommt, dass Washington den Subkontinent zumindest aus dortiger Sicht vernachlässigt. Vor allem aber: Immer dann, wenn aus Washington wieder einmal eine rhetorische Salve gegen Chávez abgefeuert wird, sorgt dies für einen reflexartigen Schulterschluss.

Dabei geht der populistische Präsident vielen seiner Amtskollegen mit seiner intriganten und plakativen Konfrontationspolitik gehörig auf die Nerven. Das zeigte sich auch in der Uno-Generalversammlung: Die Regierungen, die für Venezuela stimmten, gaben ihr Votum ab, aber auch nicht mehr. Brasilien hätte sicher weitere Stimmen für Venezuela gewinnen können, hielt seine Diplomaten aber aus dem Spiel. Venezuelas einzige enge Verbündete in Lateinamerika sind derzeit Kuba und Bolivien. Doch beide stecken politisch und wirtschaftlich in der Krise und können bei der Auswahl ihrer Freunde kaum wählerisch sein.

All dies könnte darauf hindeuten, dass Chávez mit seinem Populismus den lateinamerikanischen Zenit bereits überschritten hat. Bei den letzten vier Wahlen in der Region haben jene Kandidaten, die sich eng an seiner Politik orientierten, entweder verloren oder ihren sicher geglaubten Vorsprung gegenüber den bürgerlichen Kandidaten eingebüßt. Das war zunächst in Peru und Mexiko so, setzt sich aber seit einigen Wochen auch in Brasilien und Ecuador fort.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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