Lateinamerika
Die Quittung

Der dreiste Zugriff der argentinischen Präsidentin Cristina Kirchner auf private Pensionskassen wirkt wie der Griff nach dem letzten Strohhalm.

Argentiniens Regierung steht das Wasser bis zum Hals. Die Wirtschaft steuert auf eine Stagflation zu. Die Steuereinnahmen sinken, die Preise für die Exportgüter genauso. Und nächstes Jahr müssen zwölf Milliarden Dollar irgendwo hergezaubert werden, um die Gläubiger des Staates zu bezahlen. Die 30 Milliarden Dollar aus den Pensionsfonds kommen da gerade recht.

Argentinien wird kein Einzelfall in Südamerika bleiben. Es werden weitere autoritäre Eingriffe folgen. Denn Lateinamerika steckt fest im Würgegriff der Finanzkrise. Die Börsen brechen mit Wucht ein, die Währungen werten rasant ab, die Zinsen steigen - und die Wachstumsaussichten sind nicht mehr rosig: 2009 wird die Wirtschaft maximal um drei Prozent wachsen. Doch die Krise wird nicht alle Länder gleich stark treffen.

Vor allem Argentinien, Venezuela, Bolivien und Ecuador dürften am stärksten unter einer schwachen Weltkonjunktur leiden. Ausgerechnet also jene Staaten, in denen Linkspopulisten regieren, die am stärksten über die Globalisierung schimpfen. Doch es ist genau deren falsche Politik, welche die Wirtschaften nun schwächt. Die Fehler gleichen sich: Die Kombination aus hoher Rohstoffabhängigkeit, explodierenden Staatsausgaben und einem investitionsfeindlichen Ambiente macht die Staaten der Populisten störanfällig in der Krise.

Das krasseste Beispiel ist Venezuela: Seitdem Hugo Chávez regiert, ist Erdöl das einzige Exportprodukt des Karibiklandes. Öldollar finanzieren die Hälfte des Staatshaushalts. Nachdem Chávez die Landwirtschaft für die Agrarreform enteignet und Stahl- und Zementfirmen verstaatlich hat, produziert Venezuela fast nichts mehr selbst, sondern importiert nur noch. Das Wachstum von rund sechs Prozent alimentiert der aufgeblähte Staatsapparat.

Auch das schlägt auf die Ölrechnung. Doch die schrumpft. Nicht nur, weil der Ölpreis sinkt, sondern auch, weil die Produktion zurückfällt. Nachdem Chávez den Ölmultis neue Verträge aufgedrückt hat, haben einige US-Konzerne das Land verlassen. Und Staatskonzerne aus Iran, China oder Brasilien, die in die Lücke stoßen sollen, zögern mit Investitionen, weil ihnen die Regeln nicht klar sind. Das Muster wiederholt sich: Auch der Indio-Präsident Evo Morales in Bolivien hat die einzige wichtige Industrie seines Landes mit einer aggressiven Verstaatlichungspolitik zur Stagnation verurteilt. Nachdem er die ausländischen Unternehmen in der Gasförderung enteignet hat, investiert niemand mehr in die größten Gasvorkommen des Kontinents. Gleichzeitig verteilt Morales aber immer mehr der Steuereinnahmen aus der Gasförderung, um populär zu bleiben. Als würden Mengen und Preise wie von Zauberhand alleine zunehmen.

Genauso Rafael Correa in Ecuador. In der neuen Verfassung sind neue Sozialausgaben von fünf Milliarden Dollar vorgesehen, um die Vorlage bei den Wählern schmackhaft zu machen. Doch das Opec-Mitglied Ecuador lebt vom Öl. Aber Konzerne, die mehr fördern wollen, hat Correa aus dem Land geworfen.

Die katastrophale Wirtschaftspolitik destabilisiert selbst Staaten wie Argentinien, denen es eigentlich gar nicht schlecht gehen müsste. Denn die Preise wichtiger Exportprodukte wie Soja sind nicht ins Bodenlose gefallen. Auch ist die Exportabhängigkeit von den USA und Europa gering.

Deutlich besser sieht es im Rest Lateinamerikas aus: Vor allem in Brasilien, Chile, Peru und Kolumbien haben die Regierungen die fünf fetten Jahre genutzt, um sich auf die drohenden mageren Zeiten einzustellen: Sie haben ihre Haushalte ausgeglichen, hohe Devisenvorräte angespart und schon frühzeitig auf die Inflation mit Zinserhöhungen reagiert. Dabei sind auch diese Staaten von Rohstoffexporten abhängig.

Die chilenische Regierung hat vorgesorgt: Rund 20 Milliarden Dollar Kupfereinnahmen hat sie in den letzten Jahren in einem Fonds gesammelt, um auf schlechte Zeiten vorbereitet zu sein. Peru und Kolumbien sind die einzigen Länder, welche dieses Jahr noch wachsen. Auch Brasilien, die mit Abstand größte Volkswirtschaft des Kontinents, dürfte die Krise besser überstehen. Denn dort funktioniert die Krisenpolitik: Die Zentralbank versorgt die Finanzmärkte mit Dollar, erhöht die Liquidität des Bankensystems und hat dennoch die Inflation im Blick. Gleichzeitig springt die staatliche Entwicklungsbank mit Exportkrediten ein und hilft den Konzernen, die keine Kredite mehr im Ausland bekommen.

Sie könnten mit einem blauen Auge davonkommen. Die Linkspopulisten in Südamerika jedoch erhalten nun die Quittung für ihre verfehlte Wirtschaftspolitik.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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