Lateinamerika
In der Offensive

Zurzeit finden fast im Wochenrhythmus milliardenschwere Übernahmeversuche statt, an denen Konzerne aus Lateinamerika beteiligt sind. Aber anders als in den 90er-Jahren sind die dortigen Unternehmen nicht Opfer europäischer oder amerikanischer Firmen. Heute greifen die Latinos selbst an.

So hat der brasilianische Eisenerzkonzern CVRD gerade für 18 Mrd. Dollar den kanadischen Nickelproduzenten Inco geschluckt. Und es gibt Gerüchte, CVRD plane, Inco in eine neue Gesellschaft einzubringen, die ihren Sitz in der Schweiz haben soll. Die Aktie soll in London notiert werden. In Mexiko will der Medientycoon Carlos Slim seinen Handykonzern América Móvil mit dem Festnetzbetreiber América Telecom fusionieren und die brasilianische Tochter der Telecom Italia übernehmen. Damit würde ein Konzern mit der größten Börsenkapitalisierung Lateinamerikas entstehen.

Mexikos Zementriese Cemex verhandelt über den Kauf des australischen Baumaterialanbieters Rinker. Das Angebot liegt bei 13 Mrd. Dollar. Und Brasiliens Stahlriese CSN hat angekündigt, den europäischen Konkurrenten Corus im letzten Moment dem indischen Tata-Konzern abspenstig machen zu wollen. Neben diesen Milliardendeals gibt es noch eine lange Liste kleinerer Fusionen über die Grenzen hinweg. Die Offensive lateinamerikanischer Konzerne zeigt, dass sie sich weltweit mit den Großen messen wollen. Lateinamerika selbst ist ihnen heute zu klein. Cemex und CVRD ist das bereits gelungen.

Übernahmeofferten gerade im Rohstoffbereich sind strategisch dann sinnvoll, wenn die fusionierten Konzerne Wertschöpfungsketten aufbauen können. Beispiel CSN: Der Stahlkonzern verfügt in Brasilien über eigene Erzvorkommen, ist also nicht vom internationalen Erzkartell abhängig. Die Brasilianer können sowohl billiges Erz als auch Rohstahl nach Europa liefern. Corus könnte beides verarbeiten und in Europa vertreiben. Der Zementkonzern Cemex will mit Rinker vor allem deren Vertriebsnetz in den USA kaufen und dort auch andere Baumaterialien anbieten.

Die Konzerne aus Lateinamerika können es sich heute leisten, offensiv aufzutreten. Ihre Kassen sind nach der bislang längsten Wachstumsphase Lateinamerikas seit dreißig Jahren prall gefüllt. Zudem treibt die parallel verlaufende Rohstoffhausse seit 2004 Umsätze und Gewinne hoch. Daher reißen sich die Banken geradezu darum, Lateinamerikas neuen Multis Kredite anzubieten, zumal diese traditionell wenig verschuldet sind.

Die spannende Frage ist nun, in welchen Branchen die nächsten Fusionen oder Übernahmen stattfinden werden. Die überfällige Konsolidierung bei Stahl und Telekom hat bereits begonnen. Und Mexikos Carlos Slim ist seinem Ziel, wichtigster Telekomanbieter in Lateinamerika zu werden, schon sehr nahe. Nur die spanische Telefónica hält dort noch mit. Auch die Stahlkonzerne Ternium aus Argentinien und Gerdau aus Brasilien haben in beiden Amerikas schon länger Standorte. Doch um auch auf dem Weltstahlmarkt eine Rolle spielen zu können, muss sich das halbe Dutzend Stahlkonzerne der Region zusammenfinden. Dies vor allem auf Grund der neuen Dimensionen, in die die Branche nach der Übernahme von Arcelor durch Mittal vorgestoßen ist.

Auch die Zellulose-Branche weckt Interesse. In Brasilien und Chile gibt es höchst profitable lokale Unternehmen. Diese können mit den Großen in den USA oder Skandinavien zwar noch nicht mithalten, gemeinsam aber durchaus an Gewicht gewinnen. Ein anderes Beispiel liefert die Bauwirtschaft. In Mexiko boomt die Branche schon länger. Und dies setzt sich jetzt in Brasilien fort. In beiden Ländern sind Bau- und Immobilienkonzerne erfolgreich an die Börse gegangen. Einem Konzern, der von Mexiko-Stadt über São Paulo bis Santiago überzeugend auftritt, würden die Investoren sicher auch ihr Geld anvertrauen.

Mit Blick auf die Lebensmittelindustrie hat Südamerika einen weltweit fast unschlagbaren Standortvorteil. Eine Kombination aus einem südamerikanischen Produzenten und einem Lebensmittelkonzern aus den Industrieländern oder den asiatischen Wachstumsregionen, der Vertrieb und Marketing organisiert, könnte sich schnell zum Weltmarktführer der Branche entwickeln. Ungünstig dagegen sieht es in jenen Bereichen aus, in denen der Staat die Kontrolle behalten will. Das gilt vor allem für Energie. Es ist unwahrscheinlich, dass sowohl bei Strom als auch bei Gas oder Öl schon bald ein lateinamerikanischer Riese entstehen wird. Die einzige Ausnahme ist Petrobras. Doch auch der brasilianische Energiekonzern wird wohl nur deshalb aus eigener Kraft wachsen können, weil die Kontrolle aus Brasília kühne Finanzierungen oder Fusionen verhindern wird.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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