Lateinamerika
Märkte mit Potenzial

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Es ist höchste Zeit, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel nach diversen Asien-Reisen ihre Aufmerksamkeit nun Lateinamerika widmet. Allzu lange haben Politik und Wirtschaft Deutschlands ihre Blicke einseitig gen Osten gerichtet – gebannt vom Boom in China und Indien. Länder, mit denen sich in der Tat prächtige Geschäfte machen lassen.

Jetzt also die überfällige Rückbesinnung auf die kulturellen Verwandten der Europäer in Lateinamerika. Dort blicken deutsche Unternehmer auf eine lange geschäftliche Tradition zurück. Das ist gut, reicht aber nicht aus, um die Zukunftsmärkte zu bedienen. Den Bekenntnissen der Politiker, die von enger Partnerschaft schwärmen, „Dialoge intensivieren“, „Impulse setzen“ und allerlei wohlklingende Papiere unterschreiben, muss alsbald die Wirtschaft mit Investitionen folgen.

Lateinamerika ist nicht mehr der mühsame Markt von früher, der in regelmäßigen Abständen von Wirtschafts- und Währungskrisen, hektischen Wechseln zwischen schwachen Demokraten und korrupten Militärs hin- und hergerissen wurde. Länder wie Brasilien, Chile, Peru und Mexiko sind zu stabilen Demokratien mit hohem Wachstum herangereift, die neue Chancen für gute Geschäfte bieten. Staaten wie Bolivien und Venezuela, in denen populistische Maulhelden das Wort führen, sind die Ausnahme von dieser Regel. Sie werden früher oder später in der Sackgasse landen.

Deutsche Traditionsunternehmen sind in Brasilien oder Mexiko zwar gut vertreten, Nachholbedarf besteht aber in Umweltschutz, Telekommunikation und Infrastruktur. Das Risiko, hier den Zug zu verpassen, steigt für die deutsche Wirtschaft umso mehr, als die Länder Lateinamerikas immer engere Bande zu Asien knüpfen. Die in Lateinamerika einst mächtigen USA haben erheblich an Einfluss verloren. Stattdessen buhlt China jetzt mit Macht um Einfluss, weil es an den Rohstoffvorräten und den Absatzmärkten interessiert ist.

Es dauert nicht mehr lange, und Asien wird als Handelspartner für die Latinos wichtiger als Europa. Experten erwarten beträchtliche Direktinvestitionen der Chinesen in Lateinamerika. Sie werden damit zu harten Wettbewerbern auf einem Markt, auf dem Europa bisher wohlpositioniert war. Darauf muss die deutsche Wirtschaft reagieren. Mit einem Investitionsvolumen in Höhe von 60 Milliarden US-Dollar sind deutsche Firmen zwar noch relativ gut vertreten. In den letzten 20 Jahren sind Investitionen aber vernachlässigt worden. Spanier und Franzosen sind schon vorbeigezogen.

Vor allem Brasilien mit seiner einmaligen Kombination aus High-Tech-Industrie und modernster Agrarproduktion ist als Partner auf den Märkten von morgen in höchstem Maße attraktiv. Ein genauer Blick lohnt sich für jeden, der an das ungebremste Wachstum der Weltbevölkerung, den global rasant steigenden Bedarf an Lebensmitteln, Rohstoffen und Öl denkt.

Die größten Probleme Lateinamerikas bleiben der krasse Unterschied zwischen Arm und Reich und das marode Bildungssystem. Beides Ursachen für Gewaltkriminalität und Korruption. Hier sind politische Initiativen gefragt. Daher ist es so wichtig, dass sich Staats- und Regierungschefs aus EU und Lateinamerika zu einem Gipfel in Lima treffen. Wenn die Industrie in Südamerika mehr Präsenz zeigen soll, dann dürfen sie dort nicht nur Sonntagsreden halten.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
Handelsblatt

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