Lateinamerika
Neuer Versuch

Urteilt man nur nach der Dichte diplomatischer Kontakte, dann steht die EU gerade vor einer neuen Lateinamerika-Offensive.

In weniger als 48 Stunden treffen die EU-Spitzendiplomaten die Vertreter der südamerikanischen Mercosur-Gruppe, der Andengruppe, der Karibik-Länder und halten dann auch noch Konsultationen mit Mexiko ab. Das alles geschieht nur kurz nach den Werbetouren, die die verfeindeten Präsidenten der USA und Venezuelas durch die Region unternommen haben. Stöbert Europa also gezielt in Washingtons Hinterhof?

In Wahrheit verbirgt sich hinter vielen der Treffen in der Dominikanischen Republik allerdings nur ein leeres Ritual. Die EU hat mit den meist uneinigen Partnern auf der anderen Seite des Tisches nicht viel zu besprechen, oder sie kann nichts beschließen. Viele winken deshalb ab, wenn sie von einer Wende in der Lateinamerikapolitik hören. Zu oft haben Bundesregierungen oder die EU eine neue Strategie versprochen, die mangels Interesse dann schnell wieder in der Schublade verschwand. Diesmal allerdings sollte man die Hinweise auf eine neue Politik ernster nehmen – unabhängig vom Beratungsmarathon der EU. Denn zumindest Deutschland als größter EU-Staat hat Lateinamerika neu entdeckt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier tourt bereits zum zweiten Mal innerhalb von zwölf Monaten durch die Region. Der Bundespräsident war gerade dort, die Bundeskanzlerin will ihre Aufwartung im kommenden Jahr machen.

Es gibt drei Gründe für diese neue, bleibende Aufmerksamkeit. Seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 und dem folgenden Antiterrorkampf rückt langsam in den Vordergrund, wie viele grundsätzliche Überzeugungen die christlich geprägten und multilateral denkenden Länder Europas und Amerikas tatsächlich verbinden. Daran ändert auch der lautstarke Aufstieg des Öl-Populisten Chavez in Venezuela nichts. Dazu kommt eine gewisse Ernüchterung von Politik und Wirtschaft über China, dem Globalisierungs-Darling der letzten Jahre. Die Aufmerksamkeit richtet sich daher zwangsläufig wieder auf andere Weltregionen. Mindestens ebenso wichtig ist aber die wachsende internationale Rolle, die Länder wie Brasilien und Mexiko mittlerweile spielen. Anders als früher lässt sich selbst ein unbequemes Lateinamerika nicht mehr übersehen. Denn zur Lösung vieler Probleme wird die Mitarbeit der beiden ökonomischen und bevölkerungsreichen Schwergewichte benötigt. Das gilt etwa für einen Erfolg der Verhandlungen im Rahmen der Welthandelsrunde oder verstärkte Anstrengungen zum weltweiten Klimaschutz. Deshalb hat Deutschland sowohl Brasilien als auch Mexiko zum G8-Treffen nach Heiligendamm eingeladen – und damit als wichtige globale Akteure geadelt.

Das neue Werben um Kooperation dürfte auch deshalb langfristiger ausfallen, weil es auf einem realistischeren Ansatz basiert. Zu lange herrschte bei den Europäern Frustration darüber, dass die Südamerikaner die ausgestreckte Hand für eine Zusammenarbeit nie ergriffen. Bis heute wird etwa das wichtige Freihandelsabkommen mit dem Mercosur durch eine kurzsichtige, nationalistische Zerstrittenheit auf dem südamerikanischen Kontinent verhindert. Das hat die Überzeugung gefördert, dass sich ein politisches Engagement nicht wirklich lohne.

Doch stillschweigend wird nun der alte regionale Ansatz der Kooperation beerdigt. Deutschland und die EU müssen gar nicht darauf warten, bis sich in Lateinamerika die Einsicht einstellt, dass eine enge regionale Zusammenarbeit letztlich gut für alle ist. Stattdessen konzentriert sich auch die Bundesregierung auf die Staaten, die besonders wichtig, entwickelt oder vorbildlich sind. Mag sein, dass dies nicht dem grundsätzlich begrüßenswerten, aber derzeit unrealistischen regionalen Ansatz der EU in Lateinamerika entspricht. Mag sein, dass dies sogar die formalen Treffen mit der EU weiter entwertet. Aber der Weg über einzelne Nationalstaaten verspricht größere Chancen, zumindest mit einigen Partnern in Lateinamerika engere Kontakte zu entwickeln. Wer weiß, vielleicht würden die übrigen Mercosur-Partner sogar ernsthafter verhandeln, wenn die EU ein Freihandelsabkommen nur mit Brasilien vorschlagen würde?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%