Lebensmittelpreise
Aufstand der Armen

In Thailand bewachen schwerbewaffnete Bauern ihre Reisfelder rund um die Uhr, im Sudan kidnappen Banditen ganze Lebensmittelkonvois, in Haiti stürmen Tausende Slumbewohner Supermärkte: In Dutzenden Ländern entladen sich die Proteste gegen die explodierenden Lebensmittelpreise in Orgien der Gewalt.
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Erst kommt der Hunger, dann der Aufruhr. Die Welt, so scheint es, kriegt ihre Bewohner nicht mehr satt. In vielen Regionen machen Preissteigerungen die mühsamen erzielten wirtschaftlichen Fortschritte zunichte. Im Jemen etwa drohen alle Erfolge der Elendsbekämpfung von 1998 bis 2005 zu verschwinden.Jetzt erkennt auch die Weltbank den Ernst der Lage. Weltbank-Präsident Robert Zoellick will mit einem „New Deal“ gegensteuern.

Nötig wäre das schon. Denn die Preise für Grundnahrungsmittel wie Getreide, Reis und Mais steigen, steigen und steigen. Weizen etwa verteuerte sich in den vergangenen drei Jahren um 181 Prozent. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Das Riesenheer der Hungernden, heute rund 900 Millionen Menschen, wird weiter anschwellen. Gerade die Ärmsten, jene Personen, die mit weniger als einem US-Dollar täglich ihr Dasein fristen, leiden unter der galoppierenden Inflation. Minimale Preissteigerungen provozieren da schon eine persönliche Katastrophe. Kann sich die Welt aus der Hungerfalle befreien? Kurzfristig nicht. Langfristig vielleicht.

Die Ursachen für den Preisauftrieb sind komplex: Der Appetit der Milliardenvölker in Indien und China wird größer und größer, die aufgeblähte Nachfrage aus Asien treibt die Preise. Die Erderwärmung bringt Dürren und Überschwemmungen. Und die massiv steigenden Ölpreise verlocken immer mehr Bauern, ihre Erträge in die Produktion von Biosprit zu lenken. Allein in den USA könnte die Ethanolherstellung dieses Jahr schon ein Drittel der Maisernte verschlingen.

Allerdings droht auch der „New Deal“ der Weltbank ins Leere zu laufen. Das Bündel von Maßnahmen soll vor allem den Habenichtsen in Afrika helfen. Zoellick plant, die Zahlungen für Agrarprojekte massiv auf 800 Milliarden US-Dollar aufzustocken: Bauern sollen Kredite und Zuschüsse erhalten, bessere Anbaumethoden sollen größere Ernten bringen, effiziente Lebensmittelmärkte könnten entstehen, und moderne Transportmittel sollen das tägliche Brot in die entlegensten Winkel bringen. Anders ausgedrückt: Gestern ernährten sich die Armen noch von der Hand in den Mund, morgen soll die grüne Revolution in Afrika ausbrechen.

Bis jedoch die Modernisierung der Landwirtschaft in den armen Regionen der Welt gelungen ist, bis High Tech die Hacke ersetzt, werden Jahre, wenn nicht Jahrzehnte verstreichen. Zudem behindert die unzureichende Infrastruktur die Entwicklung. In vielen Ländern Afrikas vergammeln Teile der Ernte in Lagerhäusern, weil niemand in der Lage ist, sie zu den Konsumenten zu schaffen. Und die massive Korruption von Kairo bis ans Kap der Guten Hoffnung bremst die Umsetzung aller ehrgeizigen Pläne. Gleichzeitig müssen immer mehr hungernde Mäuler gestopft werden. Zunächst, so lautet die bittere Erkenntnis, müssen humanitäre Organisationen die Näpfe füllen. Doch auch sie können die steigenden Rechnungen für die Lebensmittel kaum noch bezahlen. Das Welternährungsprogramm klagt über ein Loch von einer halben Milliarde US-Dollar.

Doch der Preisauftrieb schafft auch Gewinner: Die Kassen vieler Landwirte des Nordens füllen sich, ihre Agrarfabriken laufen auf Hochtouren. Und: Ein großer Teil dieser Bauern kassiert weiter öffentliche Zuschüsse. Nach den Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung freuten sich die Landwirte der reichen Länder 2006 über direkte und indirekte Hilfen in Höhe von 214 Milliarden Euro.

Die Lebensmittelkrise bietet somit zumindest die Chance, die Subventionen für eine gehätschelte Minderheit endlich zu kappen. Damit würden die Politiker der EU und der USA nicht nur ihre Steuerzahler entlasten. Sie könnten langfristig auch die Landwirte der Entwicklungsländer stärken. Denn diese Bauern könnten ihre Produktion auch im Norden unter Wettbewerbsbedingungen anbieten. Und mit den Erlösen ließe sich dann eine effiziente Agrarproduktion in der Heimat aufbauen.

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