Lehman Brothers
Kommentar: Ein blaues Auge

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Krise? Welche Krise, könnte man fragen. Lehman Brothers hat als erste der großen Wall-Street-Banken die Ergebnisse für das von der Finanzkrise durchgeschüttelte dritte Quartal vorgelegt.

Die Zahlen sind auf den ersten Blick überraschend. Zwar ist der Reingewinn gegenüber dem Vorjahr um drei Prozent gesunken. Doch mit einem Ergebnis von 1,54 Dollar je Aktie hat Lehman die Erwartungen der Analysten deutlich übertroffen. Ist das Subprime-Debakel also gar nicht so schlimm?

Wer etwas genauer hinschaut, wird allerdings deutliche Bremsspuren in der Bilanz der Investmentbank erkennen. So sind die Erträge im sogenannten Fixed-Income-Geschäft um fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Hier verbirgt sich unter anderem der Handel mit strukturierten Finanzprodukten, der im August zeitweise zum Erliegen gekommen ist und sich bei weitem noch nicht erholt hat. Darüber hinaus spricht die Bank von „substanziellen Wertberichtigungen“ insbesondere bei Hypothekenprodukten und Krediten für fremdfinanzierte Firmenübernahmen.

Dass unterm Strich nur eine Belastung von 700 Mill. Dollar im Quartal übrig bleibt, hat Lehman Wertsteigerungen in anderen Geschäftsfeldern zu verdanken. Die volle Wahrheit werden wir vermutlich erst nach einer eingehenden Bilanzanalyse erfahren. Zu fragen ist insbesondere, wie Lehman Kreditzusagen von knapp 30 Mrd. Dollar für offene Übernahmefinanzierungen bewertet, die sich bislang wegen der Kreditklemme nicht am Markt unterbringen lassen.

Wenn die Bank am Ende mit einem blauen Auge davon kommt, hat sie das vor allem ihrer Diversifikation in den vergangenen Jahren zu verdanken. Mehr als die Hälfte der Einnahmen kommen heute aus Geschäften außerhalb der USA. Lehman ist schon lange kein reines Bond-Haus mehr, sondern mischt inzwischen recht erfolgreich auch bei der Beratung von Fusionen und Übernahmen mit. In diesem Geschäft haben sich die Gebühreneinnahmen im Quartal auf 426 Mill. Dollar verdoppelt. Nach dem Ende des Buy-out-Booms dürfte dieses Polster bereits im nächsten Quartal allerdings etwas dünner werden.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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