Leitartikel
Anpfiff zur Reform

Schauen Sie auch überrascht jedem Auto hinterher, aus dem eine Deutschland-Fahne weht? Blicken Sie verwundert auf Wohnungsfenster mit schwarz-rot-goldener Dekoration? Deutschlands Innenstädte haben sich in dieser Woche verändert.

Tag für Tag arbeiten sich die Nationalfarben weiter vor: Ein Land freut sich auf Fußball. Vier Wochen lang wird nichts wichtiger sein als Ballacks Waden, Ronaldinhos Pässe und Beckhams Frisur. Deutschland wird sich in oft herbeigewünschter, fast südländischer Begeisterung wiegen. Vier Wochen lang werden die Streitereien um Eintrittskarten, Werbesperrzonen und Eröffnungsfeier weggedrängt.

Hoffentlich aber werden sie nicht vergessen. Denn die Weltmeisterschaft 2006 muss zum Anpfiff werden für eine Reform des Fußballs.

Längst ist der Sport zu einem Kulturgut geworden, das die Welt vereint – und zum Wirtschaftsfaktor. Sicher, ein Monopol beherrscht ihn: ein Weltverband, ein Verband pro Land, der eine oberste Liga lenkt. Anders geht es nicht: Es darf nur einen Meister geben, sonst wäre der weltweite Wettbewerb entwertet.

Monopolisten aber neigen dazu, ihre Macht über die marktverträglichen Grenzen hinaus auszunutzen. So auch die Fifa: Ein Verein nach Schweizer Recht, nur sich selbst verpflichtet, umweht vom Hauch der Korruption und Vetternwirtschaft, hat das Sagen über ein Milliardengeschäft.

Fußballverbände, egal ob Fifa, Uefa oder DFB, agieren wie Unternehmen, also müssen sie endlich auch so organisiert werden. Es wird Zeit für unabhängige Kontrollgremien. Manager, die wissen, dass Wirtschaften in die eigene Tasche langfristig in den Ruin führt, müssen die Funktionäre ablösen. Die Fifa selbst wird an solchen Korrekturen nicht interessiert sein. Zu kuschelig haben sich die Fußball-Verwalter eingerichtet, zu untertänig werden sie hofiert von allen, die ihr Image aufpolieren wollen.

Nur zwei Kräfte haben die Chance, den Weltfußballverband zum Großreinemachen zu zwingen. Zum einen die Politik, wie Deutschland mit der WM bewiesen hat. Die Fifa konnte längst nicht alle ihre Forderungen in Sachen Kartenverkauf und Zusammenarbeit mit fragwürdigen Partnern durchdrücken.

Zum anderen die Sponsoren: Auch ihnen muss daran gelegen sein, dass der Fußball seine Kommerzialisierung nicht überdreht. Sportartikelhersteller betonen in ihren aktuellen Kampagnen die Beziehung der großen Stars zum Straßenfußball. Je weiter sich der große Sport aber von seinen Wurzeln entfernt, je mehr er seine Street-Credibility verliert, wie das Marketing sie nennt, desto uninteressanter wird er als Werbefläche.

Gelingt die Wende nicht, droht der Fußball abzugleiten in eine Showveranstaltung, von der sich die Menschen abwenden. Das wäre keine Katastrophe, es gibt Wichtigeres als Fußball. Aber es wäre sehr, sehr schade. Schade um ein Vermarktungsmedium, schade um eine herrliche Unterhaltung und eine universale, friedliche Weltsprache. Und schade um das anscheinend einzige Ereignis, das Deutschland in einen Freudentaumel versetzen kann.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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