Leitartikel
Aufziehende Abwehrfront

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Wir sind umzingelt! Karibische Hedgefonds stoßen gestandene Manager von ihren Posten, russische Oligarchen mit zweifelhaft erworbenem Vermögen übernehmen deutsche Konzerne, milliardenschwere Investoren aus der Golfregion attackieren die Perlen unserer Wirtschaft. Josef Ackermann kann es nicht mehr mit ansehen. Und so fordert der Chef der Deutschen Bank, bislang des Protektionismus unverdächtig, die Politik zur Gegenwehr auf. Sein ganz spezielles Schreckgespenst heißt Staatskapitalismus. Denn der bedrohe die Freiheit des westlichen Wirtschaftssystems. Spontan möchte man Ackermann Beifall zollen. Die Avancen oft undurchsichtiger Investoren bei Hochtief, EADS, Telekom, bei der Deutschen Börse oder Tui provozieren ein ungutes Gefühl. Ob Staatsgeld oder privates Vermögen, die Welle scheint unkontrollierbar. Selbst Branchenprimus Deutsche Bank soll mit seiner vergleichsweise knappen Marktkapitalisierung ein Übernahmekandidat sein. Ist Ackermanns Vorstoß also nur ein gut getimter Hilferuf?

Industriepolitik hat Konjunktur in Europa. Seit Jahren verbrämen Franzosen, Italiener oder Spanier ihren Protektionismus geschickt hinter Begriffen wie „Nationale Champions.“ Das war so lange geschickt, wie Abschottung und nationale Egoismen als unfein galten. Doch selbst diese „political correctness“ ist heute unnötig. Inzwischen liefern die Investoren das nötige Feindbild. Erst war es nur das private Geld, das in Gestalt der Finanzinvestoren über angeblich wehrlose Unternehmer hereinbrach. Münteferings „Heuschrecken“ machten grenzüberschreitend Furore. Jetzt drohen staatlich kontrollierte Investoren aus den aufstrebenden Volkswirtschaften die austarierten Machtstrukturen westlicher Industrienationen zu zerstören. Und so wird jedem zweiten russischen Unternehmer „Moskautreue“ nachgesagt, jedem Geldgeber vom Golf pure Maßlosigkeit. In Wahrheit wollen alle aber nur das eine: Rendite! Unvorstellbar, wenn die Chinesen ihre gigantischen Währungsreserven von 1000 Milliarden Dollar in Zukunft wie Private Equity Investoren anlegen würden.

Höchste Zeit zur Umkehr? Wenn Ackermann diplomatisch Schutzzäune für strategisch wichtige Wirtschaftszweige anmahnt, dann hat das Gewicht. So viel ist sicher. Der oberste Deutschbanker sagt, was viele denken. Ackermann formuliert einen Unmut, der schon länger westliche Manager bewegt. Was nutzt das Credo liberaler Märkte, wenn sich die Investoren jedweder Kontrolle entziehen? Noch sind Berlin und Brüssel auf Liberalisierungs-Kurs. So sollen unter dem Vorwand des Verbraucherschutzes starke Energieversorger zerschlagen oder Telekomkonzerne kleinreguliert werden. Dabei lauern Ackermanns These zufolge im Hintergrund schon Investoren, die nur darauf warten, die Reste der früheren Industriebastionen zu übernehmen. Das Ergebnis ist absehbar. Die öffentliche Meinung kippt, die reale Politik wird in absehbarer Zeit folgen. Der Staat wird Vorsorge treffen gegen den Einfluss anderer Staaten oder sonstiger unerwünschter Geldgeber. Im Einzelfall mag ein Schutzschild gegen windige Investoren vernünftig sein. Doch am Ende ist jede Abwehr nur Industriepolitik im gefälligen Gewand des Patriotismus.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent

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